Bleiern ist der Himmel, bleich die Luft. Es nieselt zum Erbarmen. Blackburn ist eine an die Autobahn von Glasgow nach Edinburgh gequetschte Trabantenstadt, eine graue Siedlung für überzählige Arbeiter aus Glasgow, die nach den Werftenschließungen in den sechziger Jahren in einem neu eröffneten Betrieb der staatlichen British Motor Corporation untergebracht wurden. Schottland war damals fast so sozialistisch wie die DDR. In den achtziger Jahren wurde der Betrieb stillgelegt. Übrig geblieben sind mit grauem, graubraunem und graurotem Kiesel verputzte Sozialwohnungen. Hinter ihnen ragt gigantisch wie ein Atomkraftwerk das nordbritische Verteilzentrum der Supermarktkette Tesco auf.

Zwei Mädchen deuten hilfsbereit auf eine Doppelhaushälfte in Yule Terrace. Der Vorgarten ist mit einem einfachen neuen Holzgatter eingezäunt. Um die Fenster des Nachbarhauses drapierte Weihnachtslichter werfen in der hereinfallenden Dunkelheit flackernde Schatten über die Fassade. Die Regenrinne leckt auf halber Höhe. Die Vorhänge sind vorgezogen. Oben links dringt schwaches Licht durch den weißen Tüll. Da wohne sie mit ihrer Katze, sagen die beiden. Heute früh sei sie zum Einkaufen gegangen und habe in einem Laden Platten signiert.

"SuBo", setzt einer der Teenager stolz hinzu, habe Blackburn weltberühmt gemacht. SuBo steht für Susan Boyle, die Popsensation des Jahres 2009. Vor einem Jahr war die 48-Jährige ein Niemand. Seit ein paar Tagen steht ihr Ende November erschienenes Debütalbum I Dreamed A Dream in den Hitparaden sämtlicher englischsprachiger Länder auf Platz eins. In den Vereinigten Staaten wurde es in der ersten Woche über 700.000 Mal verkauft, nur der Rapper Snoop Dogg schaffte 1993 mehr. Boyles Album geht dreimal so gut weg wie die derzeit zweitplatzierte Platte, vor allem in Supermärkten und Drogerien. Hausfrauen greifen zu. Offenbar sahen sich bislang auch 100 Millionen Menschen – wer das wie misst, bleibt dahingestellt – Susan-Boyle-Videos im Internet an, auch das ein Rekord.

Als ein SuBo-Clip im April auf YouTube erschien, war das noch ein Witz. Eine schrumpelige, ungepflegte Jungfer aus der tiefsten Provinz, die mit opernhafter Stimme in dem Fernsehwettbewerb Britain’s Got Talent die Glamourwelt des Pop aufrollen wollte. Die Kinder ihres Viertels riefen ihr auf der Straße hinterher: "Puh, simple Su!"

Sie landete auf Platz zwei, erlitt einen Nervenzusammenbruch und kam in eine Klinik. Der Musikkonzern Sony erkannte ihr Potenzial. Vom Cover der CD blickt sie bereits ganz elegant-elegisch in die Welt. Singt sie bald im Weißen Haus? Es heißt, die Obamas wollten sie einladen.

Gleich um die Ecke von Yule Terrace steht das Happy Valley Hotel, eine Bar mit vier spartanischen Gästezimmern im ersten Stock. Die Absteige gehört einem Edinburgher Bordellbesitzer. Im Oktober verhafteten Kriminalbeamte die Bardame wegen Drogenhandels. In der Bar ist die Hölle los. Musik hämmert ohrenbetäubend in dem Raum. Eine junge Frau beugt sich nach vorne und zieht ihr T-Shirt herunter, damit man ihr tief in die Titten schauen kann. Sie richtet sich auf und tanzt mit in die Höhe gestreckten Armen. Sie schlingt sich suggestiv um eine Eisenstange.

Männer vollführen mit ihren Hüften Zeugungsbewegungen gegen die Barhocker, nehmen einen tiefen Zug aus ihren Biergläsern und nennen sie lachend you cunt, you arsehole, you fucking bastard. Schottische Liebesbezeugungen, solange die gute Laune vorhält. Wenn sich ein falscher Tonfall einschleicht, wandeln sie sich zu wüsten Beschimpfungen, die in Schlägereien enden.

Heute hält die gute Laune vor. Es ist Freitag, Karaoke-Abend. Manche Sänger kommen grauslich über die Runden, andere hinlänglich, wieder andere ganz gut. An Abenden wie diesen stählte sich Susan Boyle für ihre Karriere. Hier saß sie oft in einer Ecke und hielt sich an einem Glas Limonade fest. Sie war ein Fremdkörper in dem ausschweifenden Tohuwabohu, schüchtern, ein Mauerblümchen. Sie ist praktizierendes Mitglied der katholischen Kirchengemeinde. Hier mauserte sie sich zur perfekten Karaoke-Sängerin. Seit ihr Aufstieg begann, kommt sie nicht mehr.