Mein Vater träumte immer seinen Amerikanischen Traum. Dieser Traum hieß für ihn: Geld, Wohlstand, Freiheit. Er war in den Straßen Irans aufgewachsen, wurde Profiboxer und ist dann eines Tages in die USA geflüchtet. Heute kämpft er nicht mehr gegen den Rest der Welt. Mein Vater quält mich nicht mehr. Er wütet nicht mehr herum und schreit: "Ich werde aus dir einen Champion machen!" Er hat inzwischen verstanden, dass ich dabei fast vor die Hunde gegangen wäre. Er freut sich über meine früheren Siege, auch wenn ich da mal einen Satz verloren habe. Seine Liebe ist heute sanft. Wenn wir uns verabschieden, umarmen wir uns. Das hat er früher nie getan. Auch ich verstehe ihn heute besser. Ich fühle mich nicht mehr gefangen. Das habe ich mir als Kind immer gewünscht.

An den Wochenenden treffen wir unseren großen Clan: Die Familie meiner Frau lebt in Las Vegas, wie mein Bruder und meine Schwester mit ihren Familien. Sonntags besuchen wir meinen Vater. Mein Sohn spielt mit ihm Baseball, mein kleines Mädchen greift zum Tennisschläger. Ich sehe ihn und meine Kinder zusammen lachen. Und mein Vater ist entwaffnet.

Meine Frau und ich sind uns sehr ähnlich darin, wie wir unsere Kinder erziehen. Diese Kinder aufwachsen zu sehen: welch ein Luxus! Obwohl wir nicht mehr arbeiten müssen, sind wir die ganze Woche hindurch beschäftigt. Mit unseren Stiftungen, dem Sport, dem Klavierspielen. Wir diskutieren mit unseren Kindern, möchten nachfühlen, was sie empfinden. Abends lesen wir ihnen Geschichten vor. Oder sie uns.

Meine Frau und ich wissen beide sehr gut, wer wir sind, unsere Ehe ist harmonisch. Wir nehmen uns bewusst Zeit für uns und unsere Wünsche. Wir hören einander zu, reden viel miteinander. Das alles ist mir in meinen früheren Beziehungen nie gelungen. Seitdem ich Stefanie kennengelernt habe, ist das kein Traum mehr.

Heute träume ich davon, dass alle amerikanischen Kinder entscheiden können, was sie mit ihrem Leben anfangen. Ich möchte ihnen die Chance geben, etwas zu lernen. Ich treibe Geld auf, um ihre Ausbildung zu finanzieren, überzeuge Politiker, dass sie Gesetze ändern. Die benachteiligten Kinder in der Schule, die ich gegründet habe, lassen sich inspirieren von diesem Ort, mit seinen Räumen für Kunst, Musik, Geschichte, Naturwissenschaften und Journalismus. In der Schule träumen sie davon, wie ihr Leben sein könnte. Ihre Eltern verbringen freiwillige Stunden dort, organisieren Ausflüge und helfen den Kindern mit den Hausaufgaben. Jeder, der unsere Klasse verlässt, soll danach aufs College gehen.

Mein eigener Mangel an Schulbildung macht mir nicht mehr zu schaffen. Ich bin häufig in dieser Schule, aber ich bin kein Ausbilder. Ich gebe den Kindern nur ein Werkzeug in die Hand. In den Pausen setze ich mich manchmal ans Klavier und spiele Lean on Me von Bill Whiters. Die Kinder können sich anlehnen. So wie ich es heute kann.

Aufgezeichnet von Maxi Leinkauf

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