Vielleicht wird er noch manchen auf beiden Seiten des Atlantiks enttäuschen. Die Europäer glauben, Barack Obama sei irgendwie "unamerikanisch", ein sanftmütiger Sozialdemokrat, einer der Ihren. Ähnlich die heimische Linke, die ihn als friedensbewegten Sozialrevolutionär sah, der nur zu Hause kämpfen werde, nicht aber im Irak und in Afghanistan. Dabei hatte Obama schon in seiner programmatischen Schrift Hoffnung wagen gelegentlich so geredet wie der verhasste Vorgänger. Manchmal müsse Amerika doch "Truppen einsetzen". Machte sich das Land klein, bliebe es trotzdem eine "Zielscheibe" angesichts seiner "beherrschenden Position" in der Welt. Soldaten seien unverzichtbar, "wo Terroristen florieren". Verbündete seien gut, aber Amerika dürfe sich nicht zur "Geisel des internationalen Konsenses" machen. Es habe das Recht, präventiv gegen "Gefahr im Verzug" vorzugehen.

In seiner Afghanistan-Rede hat Obama den Sommer 2011 als Beginn des Abzuges gesetzt, sich aber im nächsten Satz eine breite Hintertür offen gelassen: "verantwortungsbewusst" müsse es geschehen und mit Blick auf die "Situation im Feld". Seine Freunde ließ er wissen, dass Afghanistan eben nicht Vietnam sei. Weder kämpfe Amerika allein noch gegen einen Gegner, der das Volk hinter sich habe. Amerika sei nicht Aggressor, sondern Opfer. Afghanistan fallen zu lassen heiße, "neue Attacken zu riskieren". Er hätte hinzufügen können: Hinter den Taliban stehen keine atomaren Großmächte wie einst Moskau und Peking hinter Nordvietnam. Obamas Pentagon-Chef sagt es ganz knapp: "Es gibt keine Frist."

Heute, schreibt der Kolumnist der New York Times, David Brooks, wollten viele Parteigänger den Obama aus dem Wahlkampf wiederhaben. Nur: "Alle Präsidenten müssen sich im Weißen Haus mit den Realitäten versöhnen." Die größte Konzession ist die Verdoppelung der Truppe während seiner Amtszeit. So dezidiert hat seit Johnson kein Demokrat im Weißen Haus agiert – nicht Carter, nicht Clinton. Und die waren nicht "links".

Obama ist jedenfalls komplizierter, als es das schlichte Schema von links und rechts, Pazifismus und Bellizismus zulässt. Er ist vorweg der Präsident der einzigen Weltmacht. Er ist vielschichtiger als George W., der die Welt in Freunde und Feinde einteilte. Und wie jeder gewählte Politiker muss er zugleich drei verschiedene Gruppen von Zuhörern bedienen. Das magische Datum "2011" soll das eigene Volk beruhigen, die Karsai-Clique aber beunruhigen, auf dass sie das Schicksal des Landes in die eigene Hand nehme. Das Problem ist das dritte Publikum: die Taliban, die nur abwarten müssten, um nach 2011 mit verdoppelter Verve zuzuschlagen.

Deshalb die Hintertür, durch die eine ganze Armee passt: Mal sehen… Im Wahlkampf blitzte er manchmal als Ideologe auf – die Rechte in Rage, die Linke in Verzückung versetzend. Ein Jahr später entpuppt er sich als biegsamer, aber machtbewusster Pragmatiker. Ein echter Pragmatiker ändert die Richtung, weiß aber, wo’s langgeht. Das unterscheidet ihn von Aussitzern und Wetterhähnen. Obama, das zeigt die surge, die Truppenverstärkung, kreuzt mit Kiel und Kompass.