Spalier am Mördergraben

Am 9. Dezember 1941 begann in Simferopol, der Hauptstadt der Halbinsel Krim, eine der größten Massenexekutionen von Juden in der südlichen Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs. Bereits in den Tagen zuvor wurden die Juden in mehreren Gebäuden der Stadt zusammengetrieben. Sie mussten, in dem Glauben, umgesiedelt zu werden, zu dem zentral in Simferopol gelegenen ehemaligen Hauptsitz der KP marschieren.

In Kolonnen von Lkw transportierte man sie an die Exekutionsstätte, einen noch von der Roten Armee angelegten Panzergraben, rund 11 Kilometer außerhalb der Stadtgrenze. Dort wurden die Menschen durch ein Spalier von Wachposten getrieben. Sie mussten ihre Schuhe ausziehen, Männer wurden von Frauen und Kindern getrennt.

An einer weiteren Station zwang man die Opfer, ihre Oberbekleidung abzulegen. Zuletzt gelangten sie an den Graben: Kleine Erschießungskommandos von nicht mehr als zwölf Mann, zwischen denen jeweils ein weiterer Schütze mit einer Maschinenpistole stand, eröffneten mehr oder weniger gezielt das Feuer, wer noch lebte oder versuchte, sich tot zu stellen, wurde mit sogenannten Fangschüssen getötet, ein jüdisches Arbeitskommando musste, im Graben stehend, die Leichen stapeln, um Platz für weitere Opfer zu schaffen, die pausenlos herangefahren wurden. An diesem und drei weiteren Tagen, dem 11., 12. und 13. Dezember, wurden mindestens 14000 Juden auf diese Art ermordet. Eine genaue Zahl ist schon deshalb nicht mehr feststellbar, da die Täter sich nicht die Mühe des Zählens machten, Ziel des Massenmordes war ohnehin die völlige Vernichtung der Juden.

Dieses Verbrechen in Simferopol markiert mit weiteren vergleichbaren Massenhinrichtungen die Frühphase des Holocaust, der sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht als anonymes, maschinelles Auslöschen darstellte, sondern als Töten, bei dem Täter und Opfer unmittelbar miteinander konfrontiert waren.

Für den Einsatz waren unterschiedliche Einheiten abgestellt worden. Das arbeitsteilige und zugleich kollektive Vorgehen, das permanente Durchwechseln und Austauschen aller Positionen, sollte offenkundig die Täter entlasten. Gefühle von individueller Schuld und Verantwortung konnten in einem großen Täterkollektiv möglicherweise zum Verschwinden gebracht werden. Dennoch konnten Täter dieses Verbrechens später identifiziert werden. Die Ermittlungsakten verschiedenster deutscher Staatsanwaltschaften (heute für die historische Forschung gut zugänglich im Bundesarchiv in Ludwigsburg) ermöglichen die Rekonstruktion dieser Vorgänge, auch wenn die Ermittlungen in vielen Fällen nicht einmal in der Eröffnung eines Gerichtsverfahrens mündeten.

Einer der Beteiligten an diesem Massenverbrechen war der damals 22-jährige Musikstudent Hans Heinrich Eggebrecht. Als Angehöriger der motorisierten Feldgendarmerieabteilung 683 war er an allen Stadien, an allen Phasen der Ermordung der Juden in Simferopol beteiligt. Die Biografie von Eggebrecht entspricht in vielem den Konventionen der Zeit. Er wächst auf in der Kleinstadt Schleusingen, am Rande des Thüringer Waldes, in die sein Vater als Pfarrer und Superintendent versetzt worden war.

 

Siegfried Eggebrecht, ein prominenter Feldprediger im Ersten Weltkrieg, sympathisierte bereits in der Weimarer Republik mit den rechten Bewegungen, er war Mitglied im Stahlhelm und schloss sich 1933 wie viele andere protestantische Pfarrer der völkischen Glaubensbewegung der Deutschen Christen an. Auch Hans Heinrich Eggebrecht engagiert sich früh in der NS-Bewegung.

Am Tag, an dem er sein Studium an der Hochschule für Lehrerausbildung in Hirschberg aufnimmt, schließt er sich dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an. Zudem ist er als Musikreferent der Hitlerjugend tätig und betreibt Jugendarbeit in der HJ-Organisation der Hochschule. Mit dem Beginn des Krieges muss er sein Studium unterbrechen, nach der Grundausbildung wird er im Februar 1940 zur Feldgendarmerieabteilung versetzt. Dies geht aus den Akten der "Deutschen Dienststelle" hervor.

Auch Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft München aus dem Jahr 1964 belegen dies. Darin findet sich das Vernehmungsprotokoll, in dem sich ein Soldat der Feldgendarmerieabteilung 683 an Kameradennamen aus dem 3. Zug der 2. Kompanie erinnert. An zweiter Stelle taucht "Heiner Eggebrecht" auf, "müsste aus der Thüringer Gegend gestammt haben, sein Vater war dort Pfarrer". "Heiner" war der Spitzname Eggebrechts in der Wehrmacht und auch später an der Universität. Mit dieser Aussage war es möglich, Eggebrecht gesichert zu identifizieren.

Die Feldgendarmerie bildete die Ordnungs- und Sicherungstruppe der Wehrmacht und kam in den rückwärtigen Armeegebieten zum Einsatz. Ihre Aufgabe war neben Verkehrsregelung und Sicherung der Nachschubwege der militärische Ordnungsdienst gegenüber der eigenen Truppe – für diese Einheit bedeutete dies primär die Verfolgung von Deserteuren. Hinzu kamen sogenannte Sicherungsaufgaben gegenüber der feindlichen Zivilbevölkerung: Dazu gehörten die Partisanenbekämpfung sowie die Abwehr von Spionage, Sabotage und Zersetzung.

Entsprechend diesen Funktionen erfolgte die Aufstellung der Feldgendarmerieabteilungen. Die Hälfte einer Abteilung wurde jeweils von der zivilen Polizei gestellt. Im vorliegenden Fall wurden die Polizisten in der Berliner Blücher-Polizei-Kaserne rekrutiert. Damit gab es eine personelle Verbindungslinie zum Amt Ordnungspolizei, das 1936 durch Heinrich Himmler als Chef der deutschen Polizei gegründet worden war. Alle Führungspositionen in der Feldgendarmerie mussten mit solchen Polizeiangehörigen besetzt werden. So war der direkte Vorgesetzte Eggebrechts, der Kompanieführer Joachim Siedel, sowohl Berufspolizist wie auch Angehöriger der allgemeinen SS im Rang eines Hauptsturmführers.

 

Die andere Hälfte der Feldgendarmerieabteilung wurde durch die Wehrmacht gestellt. In Angleichung an den Polizeidienst wurden hier an die Rekruten spezielle Anforderungen gestellt. Verlangt wurde die "unbedingte politische Zuverlässigkeit", dabei sollten "strenge Maßstäbe" angelegt werden; alle angehenden Feldgendarmen sollten die Eignung zum Unteroffizier bereits erwiesen haben, freiwillige Meldungen waren zu bevorzugen.

Angesichts dieser elitären Ausrichtung überrascht es auch nicht, dass sich für den Dienst in der Feldgendarmerie junge Akademiker mit ausgeprägter nationalsozialistischer Orientierung bewarben. So finden sich in den Reihen der Feldgendarmerieabteilung 683 auch der spätere Direktor eines Goethe-Instituts, ein angehender Opernsänger und ein Goldmedaillengewinner im Turnen bei den Olympischen Spielen von 1936.

Die Abteilung wird zunächst in Frankreich eingesetzt, im September 1940 erfolgt die Verlegung nach Krakau. Dort ist Eggebrecht nur sehr kurz, ihm wird im November Studienurlaub gewährt, er kann ein Semester an der Berliner Universität verbringen. Im April 1941 wird die Feldgendarmerieabteilung in die rumänische Kleinstadt Targu Frumos verlegt, wo Eggebrecht zu seiner Einheit zurückkehrt.

Die Feldgendarmerieabteilung gehört hier zur 11. Armee, die im verbündeten Rumänien zum Angriff auf die Sowjetunion stationiert ist. Die Feldgendarmen sind als mobile und schnell einsetzbare Truppe für unterschiedliche Sicherungsaufgaben direkt dem Oberkommando der Armee zugeordnet. Ebenfalls in Targu Frumos stationiert war eine Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD), welche direkt dem Reichssicherheitshauptamt unterstand. Der 11. Armee war die Einsatzgruppe D unter dem Kommando von Otto Ohlendorf und seinem Adjutanten Heinz Schubert zugeteilt. Die Zusammenarbeit dieser beiden Verbände, somit die Kooperation von SS und Wehrmacht, sollte von wesentlicher Bedeutung sein für die Ermordung der Juden im Rückraum der 11. Armee.

 

Am 30. Juni 1941, also sieben Tage nach Beginn des Angriffs, wurde die Feldgendarmerieabteilung in Marsch gesetzt und folgte mit entsprechendem Abstand den Kampftruppen der 11. Armee. Ziel dieser Operationen war die Eroberung der Halbinsel Krim. Am 14. November 1941 erreichte die Einheit Simferopol. Zwei Kompanien der Feldgendarmerie, inzwischen zusammengeschrumpft auf rund 150 Mann, verblieben in Simferopol. Hans Heinrich Eggebrecht gehörte der 2. Kompanie an, deren Quartier sich in Simferopol befand, in der Rosa-Luxemburg-Straße 2, einem Gebäude des sowjetischen NKWD mitten im Zentrum der Stadt.

Die Wehrmacht begann in Simferopol sofort mit der wirtschaftlichen Ausplünderung der Juden, gleichzeitig wurde ihnen das Einkaufen auf öffentlichen Märkten verboten, eine Maßnahme, die die Feldgendarmerie durchsetzte. Dass die jüdische Bevölkerung hungern musste, war für die Wehrmacht eine Selbstverständlichkeit. Zu diesem Zeitpunkt stand für die Militärverwaltung bereits fest, dass sämtliche Juden in Simferopol binnen kurzer Frist durch die Einsatzgruppe D exekutiert werden sollten. Dazu kam es jedoch nicht in der geplanten Weise, da die Einsatzgruppe lediglich mit circa 80 Mann in Simferopol vertreten war und über keine ausreichenden Transportmöglichkeiten verfügte.

Treibende Kraft für die Ermordung der Juden war schließlich der Oberquartiermeister der 11. Armee, Friedrich Wilhelm Hauck, der sich mit Otto Ohlendorf auf eine gemeinsame Aktion von Wehrmacht und Einsatzgruppe verständigte. Dazu wurden auf Anweisung Haucks insbesondere die beiden Kompanien der Feldgendarmerie eingesetzt, die vollzählig antraten. Es kam weder zu Befelsverweigerungen noch zu Krankmeldungen.

Die Feldgendarmen wurden bei diesem Massenmord an verschiedenen Stellen eingesetzt, sie bewachten das Zusammentreiben und Verladen der Opfer in der Stadt, organisierten die Lkw-Fahrten und bildeten Absperrketten an der Hinrichtungsstätte. Hans Heinrich Eggebrecht stand dabei an mindestens einem Tag im sogenannten Spalier, durch das die Opfer unmittelbar vor ihrer Ermordung getrieben wurden. Dies geschah unter extrem gewalttätigen Umständen: Mit Peitschen und Eisenstangen wurde auf die Juden eingeschlagen, die Feldgendarmerie setzte auch Schäferhunde ein. Wer zu fliehen versuchte oder Widerstand leistete, wurde noch im Spalier getötet.

 

Unmittelbar nach dem Ende der Exekutionen meldete Otto Ohlendorf übereifrig die völlige Vernichtung der Juden auf der Krim. Tatsächlich folgte noch eine ganze Reihe weiterer gemeinsamer Mordaktionen von Einsatzgruppe und Feldgendarmerie, die schließlich auf das Umland von Simferopol ausgedehnt wurden. Erst im Juli 1942, nach der Eroberung der Festung Sewastopol durch die 11. Armee, wurde die Feldgendarmerieabteilung von der Krim abgezogen.

Hans Heinrich Eggebrecht wurde wie andere Feldgendarmen in die kämpfende Truppe versetzt, das Kriegsende erlebte er schwer verwundet und dekoriert mit zwei Eisernen Ritterkreuzen in einem Wehrmachtslazarett. Rasch gelingt es ihm, in das Leben zurückzukehren, das er vor dem Krieg geführt hat. Bereits im Herbst 1945 setzt er sein Studium an der Musikhochschule in Weimar fort, er wird an der Universität Jena promoviert und erhält 1949 eine Assistentenstelle am Institut für Musikwissenschaft an der Ostberliner Universität. Er musste sich keinem Entnazifizierungsverfahren stellen. Mit dem Beginn seiner akademischen Laufbahn manipuliert Eggebrecht seine Biografie.

Sämtliche Fragebögen, die er ausfüllt, enthalten falsche Angaben, sowohl über seine Tätigkeiten in den NS-Organisationen vor dem Krieg wie auch seine Zugehörigkeit zur Feldgendarmerieabteilung 683 während des Kriegs. Bei seiner Bewerbung auf die Berliner Assistentenstelle trägt er im Personalfragebogen unter Punkt 7, "Waren Sie Soldat?", ein: "Panzerjäger, dann Infanterie". Eggebrechts Vergangenheit sollte seiner glanzvollen Karriere zu keinem Zeitpunkt im Wege stehen.

Boris von Haken ist promovierter Musikwissenschaftler und Historiker. Im Frühjahr 2010 veröffentlicht er ein Buch mit dem Titel "Holocaust und Musikwissenschaft", das sich mit dem Fall Eggebrecht befasst