Im Juni 1937 jagten die Nazis einen der angesehensten deutschen Musikwissenschaftler aus dem Amt. Willibald Gurlitt, 48 Jahre alt, Professor in Freiburg, Experte für Musik vom Mittelalter bis zum Barock, Pionier des "Originalklangs", galt als "jüdisch versippt". Er durfte nicht mehr publizieren, wurde aus allen Gremien ausgeschlossen und von der Gestapo überwacht, seinen Kindern wurde der Schulbesuch verweigert. Nach dem Krieg begann er in Freiburg mit der Arbeit an einem bis ins 21. Jahrhundert fortgeführten Projekt, einem der größten, grundlegendsten des Fachs, dem Handwörterbuch der musikalischen Terminologie. Als Helfer holte er 1951 einen begabten jungen Kollegen aus der DDR – Hans Heinrich Eggebrecht.

Hätte Gurlitt geahnt, dass dieser Mann als besonders zuverlässiger Nationalsozialist mit 22 Jahren zu jener Feldgendarmerieabteilung gezählt hatte, die einige der entsetzlichsten Massenmorde an Juden beging, eine der strahlendsten akademischen Karrieren der Nachkriegszeit hätte wohl kaum unter der Ägide des Älteren begonnen. Sein Assistent Eggebrecht übernahm nach und nach nicht nur das Handwörterbuch und realisierte es mit den Besten des Faches. Seine Kompetenz und Gurlitts Vertrauen verschafften ihm auch dessen Nachfolge in Freiburg. Eggebrechts Professur von 1961 bis 1987 zog die begabtesten Studenten nach Freiburg.

Zudem hat Eggebrecht mit sehr persönlich formulierten Büchern über Musik ein großes Publikum erreicht. Sein Summum Opus Musik im Abendland, 1991 erschienen, ist geradezu ein Standardwerk in den Regalen der Bildungsbürger. Nur Carl Dahlhaus hat vergleichbar gewirkt. "Der Einfluss der beiden ist das Ereignis der jüngeren Fachgeschichte", sagt der 79-jährige Ludwig Finscher, der selbst zu den Eminenzen der Musikwissenschaft gehört. Der Herausgeber des Lexikons Musik in Geschichte und Gegenwart ist als nüchterner Analytiker zwar eher ein Antipode Eggebrechts, doch "viele seiner Arbeiten habe ich mit Respekt betrachtet". Nun ist Finscher schockiert, wie alle im Fach.

"Gruselig" sei es, wenn er "bedenke, wie viele Jahre wir vertrauensvoll zusammengearbeitet haben". Es lässt nicht gleichgültig, wenn ein führender Wissenschaftler seine Verstrickung in Verbrechen des Nationalsozialismus verschweigt. Dass die Enthüllung erst jetzt kommt, hat auch zu tun mit der späten Aufarbeitung der Fachgeschichte. Die Germanisten etwa stellten sich ihrer NS-Geschichte schon 1967 in der folgenreichen Vortragssammlung Germanistik – eine deutsche Wissenschaft, einem legendär gewordenen Suhrkamp-Bändchen. "Warum sind wir so spät aufgewacht?", fragt sich Finscher und erinnert sich, dass man ältere Kollegen nach dem Krieg nie nach ihrer Vergangenheit befragt habe.

Fragen hätten sich schon stellen lassen an einen wie Eggebrecht, der sein Studium in der Nazizeit begonnen hatte. Christoph Wolff, als deutscher Professor in Harvard einer der maßgeblichen Musikforscher seiner Generation, als Student ein 68er, meint, Musik sei für das Aufklärungsinteresse vielleicht nicht zentral genug gewesen, verglichen mit Juristen und Medizinern. Er verweist darauf, dass Bayreuth, einst tief mit Hitler verbandelt, "unbeschadet" weiterlebe, sogar als Pilgerziel deutscher Regierungschefs. Und er verweist auf den Nimbus der deutschen Ordinarien. "Der Professor muss sich mit keinem anderen auseinandersetzen. Und den Begriff Doktorvater gibt es nirgends sonst. Vom Vater verlangt man nicht Rechenschaft." Eggebrecht muss ein sehr starker Vater gewesen sein, eine charismatische, polarisierende Gestalt, anziehend für helle und unruhige Köpfe. Ein Königsmacher. Wer bei ihm promovierte oder sich habilitierte, war schon Elite. Viele dieser Wissenschaftler bezogen wichtige Stellen an Hochschulen, in Verlagen und Redaktionen. Reinhold Brinkmann (Harvard) und Albrecht Riethmüller (FU Berlin), zwei der berühmtesten, gingen völlig verschiedene Wege; beide allerdings haben sich intensiv mit Musik im "Dritten Reich" befasst. Um 1970 galt Eggebrecht als "linker Professor", er trat ein für studentische Mitbestimmung. Und nicht nur Fachkollegen interessierten ihn. "Er hielt immer die Hand über mich und hielt sie offen", schrieb der Komponist Wolfgang Rihm in einem bewegenden Nachruf.

Einfluss aufs Fach entfaltete Eggebrecht vor allem durch seine Position. Um den publizierenden Forscher Eggebrecht hat sich bei den Fachleuten schon länger Ernüchterung ausgebreitet, zu der Boris von Hakens Enthüllung eher einen Hintergrund liefert, als dass sie zum Umdenken zwänge. Anders als Dahlhaus blieb Eggebrecht fast unübersetzt, eine deutsche Erscheinung. "Belächelt", so Wolff, habe die Avantgarde der Beethoven-Forscher schon 1972 das Buch Zur Geschichte der Beethoven-Rezeption. Es geht darin um die Klischees, die jeder kennt: Beethoven als Titan, als Kämpfer und Menschheitsbeglücker. Sie entwickeln sich im frühen 19. Jahrhundert und gipfeln in Beethoven als zentraler musikalischer Ikone der Nazis.

Von denen steht allerdings nichts in dem Buch. Eggebrecht geht auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 nicht ein und akzentuiert doch die Leitmotive der Beethoven-Rezeption, die dazu führten, dass etwa die Pianistin Elly Ney im "Dritten Reich" in der Eroica "unerbittliche Kampfbereitschaft" und eine Rechtfertigung des Krieges erkannte. Eggebrechts Begriffstrias lautet "Leiden – Wollen – Überwinden". Die Hartnäckigkeit dieser Begriffe beweise, dass die Musik selbst sie hervorbringe: "Die verbale Rezeption bringt die begriffslose Musik zum Begriff." Die "willensmäßige Haltung" bleibt für Eggebrecht auch später das Wichtigste an Beethoven. Das alles liest man jetzt natürlich mit begründetem Misstrauen. Zumal der Autor in Die Musik im Abendland auch die Kräfte aufzählt, die das Abendland "bedrängt und bedroht" haben: "Islamische, osmanische, heidnische, barbarische", "extrem materialistische, entseelt zivilisatorische, zerstörerisch technische".