Ich bin wahnsinnig beschäftigt. Immer wenn ich mal eine Minute Zeit habe, ernte ich Auberginen, streichle meine Kühe oder jäte Unkraut bei meinen Nachbarn. Während ich das tue, bekomme ich Nachrichten: "Lisa hat ein tollpatschiges Rentier auf ihrer Farm gefunden. Oh no! Möchtest du es adoptieren?" Natürlich habe ich Platz für das Rentier. Denn ich habe eine kleine Farm im Internet. Sie liegt in Farmville, im Sozialen Netzwerk Facebook.

Es handelt sich hier um ein Computerspiel von bestrickender Simplizität, bei dem es darum geht, ein paar Quadratzentimeter virtuelles Land zu bewirtschaften. Man muss nur alle paar Stunden ein paar Klicks erledigen, damit die Farm den Rest der Zeit selbstständig vor sich hin grünt. Dieser Spaß lässt sich eigentlich hervorragend zwischen die seriöseren Verpflichtungen des Tages schieben. Freilich, so eine Farm gedeiht, sie wird vielfältiger und größer und wächst sich möglicherweise zu einer hübschen kleinen Sucht aus.

Seit die Firma Zynga aus San Francisco das Spiel im Juni 2009 auf Facebook veröffentlicht hat, ist es unglaublich populär geworden: Beinahe 73 Millionen Mitglieder des Sozialen Netzwerks spielen es, über 27,5 Millionen davon bewirtschaften ihren Bauernhof täglich. Farmtown, ein entsprechendes Spiel des Entwicklers SlashKey, war zwar früher da, hat mit 18 Millionen aber weniger Nutzer. Dann gibt es da noch MyFarm, iFarm, und in Asien spielen über 16 Millionen Menschen die chinesische Version Kaixing Nongchang, zu Deutsch "Heiterer Bauernhof".

"Heiter" ist genau das richtige Wort, denn es geht überaus putzig zu auf meiner Farm. Die Kirschen blühen ewig rosa, der Weizen steht in Saft und Kraft, ich habe eine kleine Schildkröte und eine rote Kuh, die gibt Erdbeermilch. Alle Wesen, einschließlich meines Avatars, haben zu große Köpfe: das Kindchenschema der Cartoon-Ästhetik. Was es nicht gibt in Farmville, das sind: Milchquoten, Agrarsubventionen, Borkenkäfer und Hagelschlag. Das einzig Hässliche, was passieren kann, ist, dass mein Gemüse braun wird und verrottet, wenn ich mich nicht rechtzeitig einlogge, um es zu ernten.

Man würde es zu gut mit dem Spiel meinen, wollte man seinen Erfolg als Sehnsucht der globalisierten Büroangestellten nach der eigenen Scholle interpretieren. Farmville hat nichts mit Landluft und Biomarkt-Romantik zu tun. Dafür ist es zu schematisch, zu verpixelt. Was es so bezwingend macht, ist eine Mischung aus Pseudoproduktivität und sozialem Druck.

Schon früher ist ja Erfrischendes erfunden worden für die dumpfen Momente des Bildschirmarbeiters zwischen Excel-Tabellen und Kaffeedunst, Projektplanung und Mittagstisch, wenn das Gehirn sich ledrig anfühlt, der Feierabend aber noch weit ist. Mit Moorhuhnjagd und Pinguinweitwurf, Minenaufspüren und Patiencenlegen mit der Maus verbrannte man seine Zeit im Büro auf angenehm sinnlose Weise. Nicht so bei der digitalen Landwirtschaft.

Hier übt man sich in einem sehr sinnigen Zusammenhang: Wenn ich fleißig jäte und säe, ernte ich viel Gemüse. Damit verdiene ich Geld und kann noch mehr Felder und Vieh kaufen, womit ich noch mehr Geld verdiene. Richtig schön wird es, wenn ich mir Dinge leisten kann, die keinen Ertrag bringen, die Farm aber hübscher machen, zum Beispiel bunte Laubhaufen oder ein Fahrrad. Wenn ich steinreich bin, kaufe ich mir Häuser und Traktoren. So steige ich Stufe für Stufe weiter auf, also ins nächste Level des Spieles. Es ist durchaus möglich und intendiert, dass ich Großgrundbesitzer werde. Das begehrteste Objekt in Farmville ist eine Villa, die man in Level 34 für eine Million Farmville-Münzen kaufen kann. Die Bloggerin Angela Morales schreibt: "Die Villa zu kaufen ist ein besonderer Moment für einen Farmville-Bauern, denn es bedeutet, dass du es zu etwas gebracht hast – you’ve made it."

Statt die spärlichen Momente geistigen Leerlaufs also wie bisher zu nutzen, um blöde den Himmel anzuglotzen oder virtuell auf irgendetwas zu schießen, verhalte ich mich jetzt auch in den kleinen Pausen emsig und vernünftig. Ich baue mir etwas auf. Als Onlinelandwirt bin ich ein Mensch, der spielt und sich dabei heiter und schmerzfrei an die Notwendigkeiten des klugen Wirtschaftens gewöhnt, dessen Regeln mir dann auch in der außervirtuellen Welt viel natürlicher, ja zwingender erscheinen werden.