Was es nicht alles gibt: Man würgt sich selbst oder lässt sich würgen, um kurze Bewusstlosigkeiten und Rauschzustände hervorzurufen. Erwachsene tun es der Lust wegen, Kinder suchen den Kick im Freundeskreis. Doch ist die »Würgespiel« genannte Praktik alles andere als harmlos. Anfang Dezember starb ein Junge in Brandenburg , nachdem er sich vor dem Computer stranguliert hatte. Auf dem Schirm stand noch die Anleitung zum Selbstversuch. Wir sprachen in Paris mit Françoise Cochet, die vor neun Jahren ihren Sohn verlor. Sie gründete eine Initiative betroffener Eltern, die Association de Parents d’Enfants Accidentés par Strangulation.

Die ZEIT: Madame Cochet, was sagen Sie zu diesem ersten Würgespiel-Todesfall in Deutschland?

Françoise Cochet: Das war nicht der erste Fall, sondern der erste, der von den Medien aufgegriffen wurde! Ich weiß von vier Opfern. In Großbritannien stirbt ein Kind in der Woche. In den USA soll es bis zu tausend Tote im Jahr geben. Viele Fälle gelten aber als »ungeklärt«. Es betrifft oft Kinder, die überdurchschnittlich neugierig sind, die sehr intelligent sind, frühreif. Wenn man sie dann tot findet, kann sich das niemand erklären.

ZEIT: Seit wann gibt es dieses gefährliche Spiel?

Cochet: Wir haben einen Text des Autors Jean Giono aus dem Jahr 1948 gefunden. Er hat in seinem Buch Faust au village das Verfahren haargenau beschrieben: das Abdrücken der Halsschlagader, den Verlust des Bewusstseins, die Konvulsionen, aber auch die Sucht nach Wiederholung. In Manosque, einem Dorf im Südwesten Frankreichs, gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezahlte Experten, die den Moment, in dem sie den Würgegriff lockern mussten, auf die Sekunde genau erwischten. Ganze Familien haben es praktiziert, Mütter würgten ihre Kinder mit den Lederriemen ihrer Kapuzen und ließen sich selbst würgen, nachdem sie die Suppe auf den Herd gestellt hatten. Ich kenne jemanden aus Manosque, der mir bestätigt, dass dies heute noch gemacht wird.

ZEIT: In Deutschland wurde die Schuld gleich dem Internet zugeschoben.

Cochet: Heute verbreitet das Internet diese Technik natürlich viel schneller. Aber sie war schon bekannt. Kinder lernen das im Ferienlager, bei den Pfadfindern, überall, wo sie in Gruppen beisammen sind. 70-Jährige kennen es aus ihrer Kindheit. Aber keiner spricht darüber. Dabei ist das größte Risiko nicht die Strangulation, sondern ein Herzstillstand. Wenn Kinder es in Gruppen spielen, können sie noch wiederbelebt werden, aber bei manchen dauert es zu lange, und sie bleiben behindert. Wenn sie es allein in ihrem Zimmer tun, kann ihnen niemand helfen.

ZEIT: Ist der erste Versuch besonders riskant?

Cochet: Wenn man mit den Eltern verunglückter Kinder spricht, erinnern sich die meisten, dass es Anzeichen gegeben hat. Aber sie wurden ignoriert. Ich sah meinem Sohn sozusagen sechs Monate lang dabei zu. Er hatte mir davon erzählt: »Maman, ich habe jemanden getroffen, der gesagt hat, wenn man sich auf die Halsschlagader drückt, ist das lustig.« Ich habe nur geantwortet: »Was erzählst du da für einen Blödsinn?« Ein paar Wochen später habe ich einen roten Fleck an seinem Hals gesehen und ihn für einen Knutschfleck gehalten. Einmal habe ich mit ihm gemeinsam sein Zimmer aufgeräumt und wollte einen kaputten Gürtel wegwerfen. Er hat mir verboten, ihn anzurühren. Das war am Dienstagabend. Mittwochabend war er tot. Der Direktor seiner Schule hat sich geweigert, die anderen Schüler darüber aufzuklären.

ZEIT: Man unterschätzt die Gefahr?

Cochet: Es gibt im Internet sogar Erwachsene, die den Kindern vorschlagen, dieses Spiel zu spielen. Einige Eltern versuchen gerade, auf YouTube derartige Videos löschen zu lassen. In dem Kinderbuch eines großen Verlagshauses wird das »Tomatenspiel« beschrieben. Die Kinder sollen hyperventilieren und dann den Atem anhalten. Aufgrund der Zeichnung glauben die Kinder, dass man dann einschläft. Sie wissen nicht, dass sie in Wirklichkeit bewusstlos werden. Bei McDonald’s gab es im Winter 2002 zu den Kindermenüs kleine Geschichten. Unter anderem eine, die hieß: »Wie man einen lustigen Schlaf hat«.

 

ZEIT: Macht man ein unwissendes Kind nicht erst neugierig, wenn man das Gespräch darauf bringt?

Cochet: Nehmen wir an, Sie haben eine zwölfjährige Tochter. Sie haben noch nie mit ihr über das Spiel gesprochen, weil Sie Angst haben, sie auf dumme Gedanken zu bringen. Sie geht ins Internet und stolpert über Beschreibungen des Würgespiels in den Blogs ihrer Freunde, die das total lustig finden. Sie fährt in die Ferien nach Spanien oder Großbritannien und probiert es dort mit ihnen aus. Von den Gefahren hat keiner eine Ahnung. Alle glauben, es sei nicht gefährlich. Man muss mit ihnen darüber sprechen! Wenn man ihnen sehr genau erklärt, was im Körper passiert, spielen sie es nie wieder.

ZEIT: Waren Sie wütend auf Ihren Sohn, als Sie erfuhren, wie er starb?

Cochet: Er wusste nicht um die Gefahr. Er fand es lustig.

Die Fragen stellte Sigrid Neudecker

Françoise Cochethat vor neun Jahren ihren Sohn verloren. Seither warnt sie andere Eltern