DIE ZEIT: Ihr Name hat mittlerweile die Qualität eines Synonyms. Ich mache nicht die Ypsilanti, heißt es, wenn jemand versichern will, dass er sein Wort hält.

Andrea Ypsilanti: ...was wehtut, wenn ich das lese. Das verzerrt und verletzt mich deshalb jedes Mal. Aber andererseits bin ich auch für viele ein Synonym für eine offensivere sozialdemokratische Politik. Das ermutigt.

ZEIT: Schon mal drüber nachgedacht, Ihren Mädchennamen wieder anzunehmen?

Ypsilanti: Ich bitte Sie. Das war der infame Vorschlag mancher Betreiber der politischen und medialen Kampagne gegen mich, damit ich meine politische Existenz auslösche. Ich kapituliere nicht.

ZEIT: Anfang 2009 haben Sie sich aus der großen Politik verabschiedet. Jetzt geht das Jahr zu Ende, ein guter Zeitpunkt für die Frage "Was war gut?" oder erst recht "Was habe ich falsch gemacht?".

Ypsilanti: Es wäre sicher besser gewesen, erst einmal drei Wochen in Urlaub zu fahren und dann zu entscheiden. Nach der Wahl im Januar 2008 war schnell erkennbar, dass es real nur zwei Möglichkeiten gab: entweder den Wahlverlierer Koch ohne Mehrheit weiterregieren zu lassen oder mit den Stimmen der Linkspartei eine rot-grüne Regierung zu bilden für den Politikwechsel, für den wir gewählt worden waren. Letzteres konnte in der Partei und in der Öffentlichkeit nicht mehr angemessen kommuniziert werden, als diese Erwägung aus einem Hintergrundgespräch mit Kurt Beck öffentlich gemacht wurde.

ZEIT: Also haben andere Schuld, dass Sie nicht Ministerpräsidentin geworden sind?

Ypsilanti: Dennoch habe ich die politische Verantwortung übernommen. Mit dem Durchstechen der Äußerungen Becks ging eine Kampagne los, auf die wir nicht vorbereitet waren. Wir hätten über das weitere Vorgehen einen Diskussionsprozess innerhalb der Partei gebraucht. Aber ich behaupte, all das hätte die drei Abweichler, die im Herbst 2008 gegen mich gestimmt haben, auch nicht von ihrem Tun abgehalten, wie wir nach einem solchen Diskussionsprozess später feststellen konnten.

ZEIT: Vielleicht hätten Sie sich überzeugen lassen, bei Ihrem Versprechen zu bleiben, mit der Linkspartei nicht zu verhandeln?

Ypsilanti: Wir hätten dann ja gar keinen Regierungswechsel in Angriff nehmen können. Zum anderen war das mit der Linkspartei für die drei Abweichler nur ein Vorwand. Die Frage ist vielmehr, ob ich es früher hätte merken müssen, dass mir die drei Abgeordneten die Mine legen. Irgendwann gab es aber einen Point of no Return, von da an konnte ich nicht mehr sagen: Ich vertraue denen nicht, also mache ich es nicht. Sie hätten das mit gespielter Empörung bestritten.

ZEIT: Mit Dagmar Metzger waren es insgesamt vier Abgeordnete, die Ihnen die Unterstützung versagt haben. Der Journalist Volker Zastrow hat in seinem Buch Die Vier aufgeräumt mit der Vorstellung, bei den vier Abweichlern sei vor allem Idealismus im Spiel gewesen.

Ypsilanti: Sie können sich denken, dass dies für mich keine Überraschung war. Mehr möchte ich dazu nicht mehr sagen.

ZEIT: Wir wollen nicht alles wieder aufwärmen, aber Sie haben in jenen Wochen ein Wahlversprechen gebrochen.

Ypsilanti: Natürlich ist das alles ohne die Vorgänge drum herum schwierig zu erklären. Auch ich habe mich damals damit gequält. Die Glaubwürdigkeit, auf die ich im Wahlkampf so sehr gesetzt hatte, ist ein hohes Gut. Aber ich weiß, die Menschen haben uns für unser Programm gewählt und nicht wegen unserer Koalitionsaussage.