DIE ZEIT: Viele Tierbesitzer verwöhnen ihre Lieben zu Weihnachten mit teuren Delikatessen, während andernorts Menschen Hunger leiden. Ein Dilemma unserer Wohlstandsgesellschaft?

Kurt Kotrschal: Diese ständige Aufrechnung halte ich für völlig falsch. Eine intaktes Verhältnis zum Tier ist ein Indikator für den Zustand einer Gesellschaft. Milan Kundera beschreibt das in seinem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ganz wunderbar: »Die wahre moralische Prüfung der Menschheit, die elementarste Prüfung, äußert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren.«

ZEIT: Vor allem Tierschützer warnen aber auch vor der Vermenschlichung von Heimtieren.

Kotrschal: Bei einem Hund ist das nahezu unmöglich. Die Tiere sind so stark auf den Menschen geprägt, dass man diese Gefahr nahezu ausschließen kann. Schlimm wird es nur, wenn die Bedürfnisse des Tieres zu kurz kommen. Ob der Hund jetzt ein Manterl hat, ist ihm ja völlig egal, solange die Beziehung zum Halter gut ist. Unsere Forschungen haben das auch bestätigt: Zwar erscheinen uns Hundebesitzer, die mit ihren Tieren wie mit kleinen Kindern reden oder sie mit Spielzeug eindecken, etwas seltsam, aber ihre Hunde hatten erstaunlicherweise geringere Stresswerte als jene Tiere, von denen alles ferngehalten wurde.

ZEIT: Was sind die Gründe, dass Tierliebe in tierische Liebe abgleitet?

Kotrschal: Das ist nahezu ein natürlicher Prozess. Schließlich projiziert man unbewusst viel von dem, was einen bewegt, auf das Tier. Wenn mein Hund ein Sozialpartner ist – und das ist eigentlich die adäquate Beziehung –, dann verstehe ich schon, dass die Halter ihre Tiere beschenken. Aber es ist ein Unterschied, ob ich einem zahmen Afferl ein Kleiderl anziehe oder einem Hund im Winter einen Überwurf kaufe. Was man grundsätzlich bedenken sollte: Auch Sexualität spielt eine Rolle. Etwa drei bis fünf Prozent der Halter haben Sex mit ihren Tieren. Das war in der Kulturgeschichte schon stärker ausgeprägt, ist jetzt aber ein Tabuthema. Doch auch abseits dieser extremen Ausprägung ist die Mensch-Tier-Beziehung keine Einbahnkommunikation, sondern sehr komplex.

ZEIT: Liegt der Reiz in dieser Beziehung nicht darin, dass einen das Tier so nimmt, wie man ist?

Kotrschal: Natürlich hat meine Hündin noch nie gemeckert, wenn ich meine Socken liegen lasse. Die mag mich, wie ich bin. Den kulturellen Überbau, den es in menschlichen Partnerschaften gibt, hat man bei einem Haustier nicht. Also ist es nicht verwunderlich, dass Menschen bei ihren Tieren luxurieren. Wenn man einen Partner hat, der einem etwas wert ist, macht man ihm auch wertvolle Geschenke.