ZEITmagazin: Frau Göring-Eckardt , gab es eine Situation, von der Sie rückblickend sagen würden: Das war ein Wendepunkt in meinem Leben?

Katrin Göring-Eckardt: Da war diese Geschichte mit dem Whisky, die würde ich im Nachhinein als meine Politikerinnenwerdung bezeichnen. Sie passierte 1999: Ich war noch kein ganzes Jahr Abgeordnete und wurde über Nacht zuständig für die Rentenpolitik. Ich wusste zwar grundsätzlich, wie das deutsche Rentensystem funktioniert, aber natürlich nicht im Detail.

ZEITmagazin: Was haben Sie gemacht?

Göring-Eckardt: Ich habe mir das Thema von zwei Expertinnen der Fraktion erklären lassen und mit ihnen zusammen ein Zehn-Punkte-Programm geschrieben, das damals schon recht radikal klang. Dieses Programm habe ich an zehn Personen der Fraktion geschickt mit der Bitte um ihre Meinung. Einer von ihnen, der mir etwas besonders Gutes tun wollte, hat dieses Papier an die Agentur Reuters weitergegeben, und Reuters hat daraus eine Meldung gemacht.

ZEITmagazin: Ohne das mit Ihnen abzustimmen?

Göring-Eckardt: Ja, ohne es mit mir abzustimmen, aber in guter Absicht, was ich erst später so sehen konnte. Ich habe gar nichts davon mitgekriegt, ein Handy hatte ich noch nicht. Wir hatten gerade Fraktionsklausur in Weimar . In Thüringen stand die Landtagswahl bevor, und unsere Klausur sollte die Grünen dort unterstützen. Ich fuhr also hin und dachte, komisch, so viele Kameras, die ganzen Prominenten kommen doch erst morgen. Was ich nicht wusste: Die warteten alle auf mich und wollten etwas über mein Zehn-Punkte-Programm hören. Irgendwie habe ich alle Fragen beantwortet – ich fand das Programm ja auch wirklich gut – und bin dann in den Sitzungssaal gegangen.

ZEITmagazin: Wie haben Ihre Kollegen reagiert?

Göring-Eckardt: Als ich in den Saal trat, war das, als würde ich in einen Kühlschrank kommen. Meine Fraktion war stinksauer über meine Aktion, weil sie während der Klausur eigentlich das Thema Energiepolitik öffentlich machen wollte. Die konnten sich gar nicht vorstellen, dass ich das Papier nicht lancieren wollte. Dann begegnete mir Rezzo Schlauch , der ins Telefon brüllte, das kannst du vergessen, das mache ich nicht.

ZEITmagazin: Wer war am anderen Ende der Leitung?

Göring-Eckardt: Joschka Fischer . Gerhard Schröder hatte Fischer angerufen und wohl gesagt: Die musst du rausschmeißen, die versaut uns unsere Politik. Fischer hat dann Schlauch angerufen, der Fraktionsvorsitzender war, und hat gesagt, so jedenfalls wurde es berichtet: Der musst du das Thema sofort wegnehmen. Aber Schlauch hat das nicht gemacht. Er wollte seine Fraktionsmitglieder, in dem Fall mich, schützen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie die Sitzung überstanden?

Göring-Eckardt: Irgendwie, ich kann mich nicht daran erinnern. Und jetzt kommt der Whisky ins Spiel. Ich fuhr nach Hause, setzte mich aufs Sofa und machte die Flasche auf. Ich dachte: Das ist das Ende deiner politischen Laufbahn. Neben mir saß mein Mann – er hat aufgepasst, dass ich keine Alkoholvergiftung bekomme, und am Telefon die Journalisten und wütende Menschen abgewimmelt.

ZEITmagazin: Ihr Mann und der Whisky haben Sie gerettet?

Göring-Eckardt: Auch, aber zum Glück ist dann noch etwas passiert. Erst rief Andrea Fischer an, damals Gesundheitsministerin und vorher für Rentenpolitik zuständig. Sie sagte, du hast genau das Richtige gemacht. Ich habe geantwortet: Andrea, du hast eine völlige Meise, du weißt ganz genau, die machen mich jetzt fertig, das ist das Ende. Aber dann rief noch eine Journalistin an und sagte, ich schreibe nächste Woche darüber – und zwar positiv. Und es gibt noch einen anderen Journalisten, der das tun wird. Die beiden waren etwa so alt wie ich und fanden das Thema Generationengerechtigkeit, wie später ja sehr viele, wichtig.