Die Kundus-Affäre entfaltet sich als Dreifachdrama. Das erste kreist um das Watergate-Syndrom, dem schon Franz Josef Strauß, weiland Verteidigungschef, zum Opfer gefallen war. Nicht die Tat ist das Verbrechen, sondern die Vertuschung. Der Einbruch ins Hauptquartier der Demokraten 1972 wäre bloß ein Fall für die Kripo gewesen, wenn nicht Richard Nixon gelogen und betrogen hätte. Seitdem gehorcht der politische Skandal den ewigen Fragen: Was hat er gewusst und wann? Schon Talleyrand lehrte: "Hochverrat ist eine Frage des Datums."

Verteidigungsminister Jung ist die Affäre zum Verhängnis geworden; nun bedroht sie seinen Nachfolger Guttenberg, allerdings mit besonderer Wucht, weil auf der zweiten Ebene auch ein klassisches Mediendrama abläuft. Wehe dem Politiker, den die Presse zum Helden auserkoren; sein Sturz wird umso heftiger sein. Dieses eiserne Gesetz gilt überall, über Grenzen und Kontinente hinweg.

Die gesamte deutsche Presse hatte den CSU-Mittelbänkler in den Himmel geschrieben. Etwa so: adelig, sexy, nachdenklich, elegant, einer, der unabhängig sei und nicht von der Festplatte aus plaudere. Ein Rockstar fast wie dieser Obama. Dann aber wurde es langweilig; in Frankreich hat das sogar die Studentenrevolte von 1968 beflügelt. "La France s’ennuie", hieß es, Frankreich langweilt sich.

Nun aber: "Hinter dem Blendwerk sind Schwächen aufgetaucht, auch er (Guttenberg) ist aus krummem Holz geschnitzt." Je höher sie geschrieben werden, desto tiefer sollen sie fallen, sagt (so ähnlich) schon die Bibel. Dieser Mann hat geglaubt, was sie über ihn gesagt haben; das ist keine lässliche Sünde.

Das dritte Drama ist auch ein Klassiker, aber einer, der weit über den Hype hinauswächst: Wie halten wir es mit dem Krieg? Keine Demokratie mag Kriege, die weit weg sind (Afghanistan), deren Begründung abstrakt ist (Schlimmeres verhindern) und deren Ende niemand kennt. Die Deutschen haben ihr eigenes Problem. Wer zwei Weltkriege verliert, sagt zu Recht: "Nie wieder Krieg!" Und wer seit sechzig Jahren auf diesem gesegneten Kontinent lebt, darf das tatsächlich glauben.

Ergo gibt es in Afghanistan keinen Krieg, allenfalls "kriegsähnliche Zustände". Tatsächlich wird es der längste Krieg nach 1945 sein. Dennoch doziert der Grüne Trittin, dass "Taliban zu vernichten" nicht mandatsgemäß sei. Das "gezielte Töten" verstoße gegen Verfassungs- und Völkerrecht, sekundiert der Linke-Abgeordnete Nešković. Krieg ist grausam und gemein, aber Töten ist sein Wesenszug. Wer das verneint, beschummelt sich selber.

Guttenberg möge demissionieren, falls er den Strauß oder Nixon gegeben hat. Doch die Volksvertreter mögen ebenfalls ehrlich bleiben. Sie müssen über Proportionalität und den Schutz unserer Schutzbefohlenen räsonieren, auch über Kosten und Chancen dieses Krieges. Die Opposition muss der Regierung im Nacken bleiben; das ist demokratische Pflicht. Zivilisten dürfen nie Zielscheibe sein. Aber dem Krieger sein Handwerk verbieten?

Um von Talleyrand zu borgen: Das ist schlimmer als absurd; es ist töricht.