Ob es hart wird für Cem Özdemir? Eher nicht. Als ehemaliger Europaparlamentarier mit Pendelerfahrung dürfte er frühes Aufstehen gewohnt sein. Als langjähriges Parteimitglied der Grünen verfügt er über Techniken nervlicher Selbstberuhigung, mit deren Hilfe sich Alltagssituationen ertragen lassen, die von unkontrolliert schreienden Lebewesen dominiert werden.

Und davon abgesehen: Die Baby-Pause, in die sich der Parteivorsitzende und frischgebackene Vater seines zweiten Kindes verabschiedet hat, soll nicht drei Jahre währen, sondern nur sechs Wochen. Damit bleibt Cem Özdemir um vierzehn Tage hinter dem Pensum der sogenannten Vätermonate zurück, welches für eine Verlängerung der Elterngeldzeit auf vierzehn Monate erforderlich ist. Sechs Wochen Abstinenz von der politischen Bühne genügen jedoch, um ihn mit dem Titel "Von-der-Leyen-Vater" zu adeln. Er werde sich, äußerte Özdemir, in seinen Vaterwochen vor allem intensiv um seine vierjährige Tochter kümmern. Es werde ihm Spaß machen, ihr viel vorzulesen und statt beim Kopenhagener Klimagipfel ganz privat in seinen vier Wänden zu sein.

So erfreulich diese Nachrichten aus dem Hause Özdemir sind, so unmittelbar ihre Vorbildhaftigkeit einleuchtet – etwas Irritierendes haben sie auch. Sie lassen sich ebenso gut als Notsignale einer nervösen, entmutigten Gesellschaft verstehen, der in Sachen Elternschaft jede PR-Gelegenheit recht ist; die es nötig hat, sich permanent die Qualitäten eines Produkts vor Augen zu führen, das auf dem Markt der Lebensgestaltung in Wahrheit so viel nicht zählen kann: Sorge. Sorgendes Handeln. Es vergeht keine Woche, in der uns nicht irgendein Wirbel oder eine Debatte daran erinnern, dass sich die Gegenwart durch ein eher gestörtes als gelassenes Verhältnis zur Kultur der Sorge auszeichnet. Dass es diesem Verhältnis in erster Linie an einem mangelt: jener Selbstverständlichkeit, die nicht ständiger Selbstermahnungen, Selbstermutigungen und Appelle bedarf.

Mal ist es die Ethikkommission, die (dankenswerterweise) Bedenken gegen Babyklappen vorbringt. Mal ist es der Einspruch aus Straßburg gegen fehlende Rechte deutscher unverheirateter Väter. Mal ist es ein Jubelschrei aus dem Familienministerium, die Geburtenrate habe sich leicht erhöht. Mal die Meldung über ein verhungertes Neugeborenes. Mal die tausendste Reportage über die Vereinbarkeit von Arbeit und Kindern. Mal die quälende Ratlosigkeit, wie, wo und von wem eigentlich in Zukunft die Pflege alter Menschen geleistet werden soll. Mal das schiere Entsetzen über Mitbürger, die es vorziehen, sich aus dem Staub zu machen, wenn vor ihren Augen ein Mann auf einem S-Bahnhof von Jugendlichen erschlagen wird. Denn auch dies, der Reflex der Zivilcourage, gehört in das weite Feld gesellschaftlicher Sorgekultur und individueller Sorgebereitschaft. Oder es sind die notorischen Parteikontroversen über sogenannte "finanzielle Anreize" wie Elterngeld, Erziehungsgeld et cetera, mit denen 36-jährige Mittelständler animiert werden sollen, doch wenigstens ein Kind in die Welt zu setzen und sich achtzehn Jahre lang, mithin weniger als ein Viertel ihrer erwartbaren Lebenszeit, darum zu kümmern.

Ob die Animation gelingt oder nicht, ob Menschen, die es gewohnt sind, ihren Alltag mit einer Joggingrunde morgens um sieben zu beginnen und nach zehn Stunden Berufsarbeit mit einem Happy-hour-Gläschen zu beschließen, tatsächlich geneigt sind, diese Gewohnheiten gegen Wickeln, Füttern, Basteln, Fiebermessen, Schimpfen, Loben und Erziehen einzutauschen, weil sich der Staat kurzfristig spendabel zeigt, das sei dahingestellt. Bedenkenswert ist allerdings der Begriff "finanzieller Anreiz". Er klingt nach Supersparpreis- Ticket der Bundesbahn. Nach Versüßung einer Pille, von der jeder weiß, dass sie bitter schmeckt.

Und eben hier liegt das Problem. Je heftiger die Gesellschaft ihre Fähigkeit zu sorgendem Handeln beschwört, desto stärker betont sie das zweifelhafte Prestige solchen Handelns: als Pflicht, demografisch notwendig und moralisch hochstehend. Aber eben eine Pflicht, die in unsere Vorstellungen vom erfahrungsreichen, erfolgreichen, abwechslungsreichen Leben nicht fraglos integriert ist, sondern – seien wir ehrlich – in Opposition dazu steht. Eine ehrenwerte Anstrengung, die den Nachteil besitzt, interessanteren Bereichen des Lebens Zeit und Energie zu rauben. Wäre es anders, hätte nicht jene Lebensform mehr als jede andere ihr gesellschaftliches Ansehen eingebüßt, die mit dem Titel "Hausfrau" unschön und ungenau beschrieben wird. Wäre es anders, müsste niemand darum bangen,, wer ihn auf seiner letzten Lebensstrecke wäscht und wendet, füttert und frisiert, weil dies kulturell so selbstverständlich gewährleistet wäre, wie es selbstverständlich ist, dass wir zur Schule gehen, den Führerschein machen, uns glücklich oder unglücklich verlieben, und alle vier Jahre die Regierung wählen. So ist es aber nicht.

Von der Annahme, Sorge und Egoismus stünden im Widerspruch zueinander, kann niemand behaupten, ganz frei zu sein. Denn diese Annahme ist in der Ausstattung eines kapitalistischen Zeitgeists gleichsam verankert. Natürlich gibt es auch zahlreiche Menschen, die mehr Spaß daran haben, vor einer Badewanne zu sitzen und quietschende Plastikenten aus dem Schaum hüpfen zu lassen, als in grauen Büros vor grauen Computern zu sitzen. Aber in der gesellschaftlichen Außenwahrnehmung leisten sie Verzicht. Hocken im Bad und draußen ziehen Abenteuer vorbei, an denen sie nicht teilnehmen: Beruf- und Karrierechancen, Kontakte und Empfänge, Reisen und Affären, geistige Anregung und soziale Bestätigung. Über diese Wahrnehmung sollten wir uns nicht die geringsten Illusionen machen. Aber auch nicht darüber, dass sie für eine Gesellschaft, die in den rauen Zeiten wirtschaftlicher und sozialstaatlicher Krise persönlicher Sorgebereitschaft bedarf, ein echtes Problem darstellt.