Missfallen hat ihm der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan schon lange, wie er dort stattfindet und wie er hier präsentiert wird. Zu viele Fehler, die zur Katastrophe führten. Verheimlicht hat Volker Rühe dieses Unbehagen nie. Rühe, der in den neunziger Jahren sechseinhalb Jahre lang Verteidigungsminister im Kabinett Kohl war, ist zwar kein Mann mehr, der im Rampenlicht steht. Aber wenn er sich hin und wieder doch zu Wort meldet, haben seine Äußerungen Gewicht.

Wie vor zwei Jahren, als Rühe die Entwicklung in Afghanistan entgegen dem offiziellen "Kein Krieg"-Sprech einen "Krieg" nannte. Oder in diesem Jahr, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, als er im Spiegel den deutschen Einsatz in Afghanistan zum "Desaster" erklärte. Das war unübersehbar, auch wenn alle Verantwortlichen in der Großen Koalition so taten, als hätten sie nichts gehört und nichts gesehen. Auch im Verteidigungsministerium, besonders im Kanzleramt. Dort hat der Mann zwar Parteifreunde, aber eine Freundin hat er dort nicht. Eher im Gegenteil. Dieses Nicht-Verhältnis ist aber eine sehr alte Geschichte. Kein Thema für ihn.

Deshalb will Volker Rühe sich auch nicht zu Details der "Katastrophe von Kundus" äußern. Das soll der Untersuchungsausschuss klären. Wichtiger, sagt er, sei die Zukunft, nämlich die Kernfrage: "Wie verhindern wir ein Kundus zwei?"

In diesem Punkt müsse die Regierung Klarheit schaffen, und zwar schnell. Klarheit vor allem darüber, wie die deutschen Soldaten sich in einer vergleichbaren Situation künftig verhalten sollten. "Letztlich", sagt Volker Rühe, "hat der Verteidigungsminister zur Anforderung des Luftschlags in Kundus durch den deutschen Oberst ja erklärt, das sei ›nicht angemessen‹ gewesen, und die Kanzlerin hat das ausdrücklich akzeptiert. Was ist in einem solchen Fall also ›angemessenes Handeln‹? Das müssen die Militärs wissen, und das muss die Bevölkerung wissen, in deren Namen gehandelt wird. Dazu muss die Regierung Klarheit schaffen."

Klarheit und Ehrlichkeit bei der Definition des Einsatzes – für Volker Rühe hat es in Afghanistan daran bisher gefehlt. "In der ganzen Kundus-Debatte wird fast ausschließlich über militärische Fehler geredet. Aber mindestens so wichtig wäre eine selbstkritische Debatte über die zugrunde liegenden politischen Fehler, vor allem über die Fehlentscheidungen der Großen Koalition im Vorfeld der Ereignisse von Kundus."

Er habe keine besonderen Informationen und keinen Zugang zu Geheimdienstberichten, beteuert der Exminister. Aber natürlich zieht er aus dem, was er hört und liest, seine Schlüsse: "Wahrscheinlich sind in der Nacht des 4. September militärische Fehler gemacht worden. Aber nach meiner Einschätzung konnten diese Fehler nur passieren, weil die politischen Rahmenbedingungen des Einsatzes von der Großen Koalition falsch gesetzt worden sind."

Die neue Regierung hat sie bisher aber auch nicht geändert. Stimmt, sagt Rühe. Das ist es ja! "Es ist höchste Zeit, dass die Politik sich insgesamt neu besinnt. Das heißt erstens: Schluss mit der rhetorischen Beschönigung und Verharmlosung des Einsatzes in Afghanistan, Schluss mit der Leugnung des Risikos, die dieser Einsatz für die Soldaten notgedrungen mit sich bringt. Und es bedeutet zweitens eine spürbare Verstärkung des deutschen Truppenkontingents."