Auf Nimmerwiedersehen" wollen wir dem alten Jahrzehnt zurufen; dem schlimmsten seit Kriegsende. Eingerahmt wird die Dekade mit den vielen Nullen vom Dotcom-Crash am Anfang und der Fast-Weltwirtschaftskrise am Ende. Den Jahrtausendfeiern folgten der Terrorangriff auf New York, die Kriege in Afghanistan und Irak, Libanon und Gaza, der russische Einfall in Georgien. Terror in Madrid und London, von Indonesien bis Indien. Der Tsunami 2004 mit 200.000 Toten. 2005 ist das "Jahr der Bombe": Nordkorea hat sie, Iran wählt einen Präsidenten, der seitdem verbissen an ihr baut. Drei Jahre später die Panik an den Märkten, wie sie zuletzt 1931 gewütet hatte.

Rinderwahn, Vogelgrippe, H1N1, Kaschmir-Erdbeben mit 80.000 Toten, Deutschland verliert die WM gegen Brasilien, Tiger Woods stürzt vom Thron. Gibt’s auch Gutes? Ja, der Jahrtausend-Crash der Computer namens Y2K findet nicht statt. Auf Mars und Mond wird Wasser entdeckt. Das menschliche Genom wird geknackt. Apple erfindet das iPhone. Deutschland kürt eine Frau zur Kanzlerin, Amerika einen Schwarzen zum Präsidenten. Davor ziehen wir den Hut; ansonsten bleibt es beim Goodbye.

Und doch lohnt es sich, tiefer in den Ruinen des Jahrzehnts zu stochern, um Zuversicht für das kommende zu finden. Als Erstes finden wir eine Weltwirtschaftskrise, die keine war. Für Deutschland war es mit zwölf Monaten die kürzeste Rezession seit 1966. Für Amerika bleibt sie mit fünf Quartalen im Rahmen der Nachkriegszeit.

Die Erklärung? Statt die Fehler von 1929ff. zu wiederholen, haben die Staaten das Gegenteil getan. Sie haben Ströme von Geld in die Wirtschaft gelenkt, statt ihr wie damals Liquidität und Nachfrage zu rauben. Sie haben weder Handelsmauern aufgetürmt noch Abwertungskriege geführt. Sie haben so der Zukunft Berechenbarkeit geschenkt.

Apropos Kriege: Vergessen wir bei allem Unheil der "nuller Jahre" nicht, dass die Welt seit 1945 kein Gemetzel unter den Großmächten mehr erlebt hat. Krisen gab es zuhauf, von Kuba bis Berlin. Aber 55 Millionen Tote wie im Zweiten Weltkrieg? Dagegen verblasst der Blutzoll des Terrors, sosehr er auch die Seelen der Menschen bis heute trübt. Es war ein Kriegsjahrzehnt, aber noch nie sind die Großen so zahm miteinander umgegangen. Sie kämpfen wie eh und je um ihren Vorteil, aber niemand denkt daran, den Ring zu zertrümmern.

Das hat gewiss mit der Bombe in der Hinterhand zu tun, aber noch mehr fürchten die Großen die Wirtschaftskatastrophe, der sie 2008 in den Rachen geblickt haben. Preisen wir deshalb das alte Jahrzehnt, das uns zubrüllt: Kooperation ist unsere Zukunft. Wie kann sich die Welt ihr auch entziehen, wenn überall "Echtzeit" herrscht? Vielleicht werden wir erst 2020 verstehen, welche globale Revolution in den "Nullern" angelaufen ist.

Die Neunziger gehörten dem Internet, die Nuller einem winzigen Gerät namens Smartphone, das fast jede Information für fast jeden verfügbar macht, sofort und weltweit: Bilder, Zahlen und Wörter; Musik, Filme und TV. Was wir davon brauchen, haben wir bei uns. Nein, wir wollen nicht der Digital-Demokratie das Wort reden; das iranische Regime kann Twitter und Cloud-Computing genauso nutzen, tausendfach effizienter als einst die Stasi, die Briefe aufdampfen musste. Und doch konnte das Regime die zweite iranische Revolution nicht unterdrücken. Diese lebt von der mächtigsten Revolution seit der industriellen: der der Information.