Berühmt sind die zehn Worte, die Camus für die wichtigsten seines Lebens hielt: die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer. Literatur ist nicht dabei, auch Geschichte, Ruhm, Frauen, Kampf und Erfolg fehlen, obwohl sie für ihn so wichtig waren. Jedenfalls in seiner zweiten, in seiner französischen Lebenshälfte.

In seiner ersten Lebenshälfte in Algerien ging es eher um die archaischen, die scheinbar überzeitlichen Wahrheiten der zehn Worte. Jeder Künstler, das glaubte er, besitzt "in seinem tiefsten Innern eine einzige Quelle, die sein Leben lang speist, was er ist und was er sagt". Diese Quelle ist in seinem Fall eine Himmelsrichtung. Es ist der Süden. Es ist das Mittelmeer, es ist Südfrankreich, es ist Italien , es ist Griechenland , und es ist seine Heimat Algerien.

Es gibt viele Ungerechtigkeiten auf der Welt, schrieb er in dem nachträglichen Vorwort zu seinem ersten, im Alter von 22 Jahren verfassten Buch Licht und Schatten, doch über eine Ungerechtigkeit werde viel zu wenig gesprochen, über die Ungerechtigkeit des Klimas. Für Deutschland hatte er deshalb wenig übrig, es sei düster, befand er, dunstig und ohne Charme, erbarmungslos und doch eigenartig anziehend.

Die Hitze und das Licht, das harte, elementare Licht Algeriens und Griechenlands und das sanfte, versöhnliche Licht Italiens und Frankreichs, sind nicht nur Wohlfühlindikatoren, es sind welterschließende Kräfte. Im Licht des Südens glaubt Camus die Welt noch einmal wie am ersten Tag sehen zu können, befreit vom Zellophanpapier, in das man in Europa alles Lebendige verpackt hat.

Der Süden ist eine Himmelsrichtung für den Wunsch, das Vorfabrizierte, das Gezwungene und Secondhandmäßige der Moderne aus höherer Notwendigkeit außer Kraft zu setzen. In seinem Licht und in seiner Stille sollen die von Politik und Kultur wie von zu starken Genussmitteln betäubten Sinne wieder erwachen.

Der Süden ist sein Gegengift zu Europa, das seinen Schönheitssinn der Maßlosigkeit geopfert hat, das nach Büro riecht und daran glaubt, sein Glück kaufen und in die Garage stellen zu können. In seinem vielleicht schönsten Buch Heimkehr nach Tipasa (auf Französisch einfach nur Été – Sommer – genannt) klagt er: "Wir erleben die Zeit der Großstädte. Freiwillig amputierte man der Welt, was ihre Dauer bewirkt: die Natur, das Meer, die Hügel, die Beschaulichkeit der Abende."