ZEITmagazin: Herr Bondy , eine leichte Frage zu Beginn – wie inszeniert man Liebe?

Luc Bondy: Das ist sehr schwer. Ich suche dafür Umwege, da ich glaube, dass sich auf der Bühne Liebe kaum ausdrücken lässt. Menschen, die dabei sind, sich zu verlieben, schauen sich nicht unbedingt an, sie sind sogar ein wenig aggressiv zueinander. Liebe muss etwas Widerständiges haben, etwas Widerborstiges, als müsste man sich dagegen wehren. Ich inszeniere sozusagen gegen das Liebesgefühl an. Zwei Menschen, die sich verzückt auf der Bühne anstarren – die drücken kein Gefühl aus.

ZEITmagazin: Gilt diese Regel tatsächlich auch für das wirkliche Leben?

Bondy: Ja, natürlich. Wenn zwei Menschen sich anschauen, fehlt die Magie. Da geht schnell etwas verloren. Ich sitze in einem Restaurant gerne neben meiner Frau. Das ist die beste Kommunikation. Sich gegenüberzusitzen, Candle-Light-Dinner, nein, beim besten Willen, das ertrage ich nicht.

ZEITmagazin: Sie haben einmal geschrieben, dass Sie den Satz "Ich liebe dich" nicht mögen. Was ist so falsch daran?

Bondy: Das haben Sie in meinem Buch gelesen… Es stimmt nicht ganz. Mich stört dieser Satz zum Beispiel bei amerikanischen Filmen. Da sieht man einen Mann telefonieren, er steht mitten in einem tropischen Gewitter, der Regen peitscht ihm um den Kopf. Er erzählt seiner Frau die ganze dramatische Geschichte, und ganz am Ende kommt immer dieses kernige "I love you". Der Abbinder, und jeder weiß, danach ist das Gespräch beendet. Das finde ich allenfalls komisch.

ZEITmagazin: Sie behaupteten vor Jahren, das größte Rätsel des Lebens sei die Liebe...

Bondy: Das singt Salome in der Oper von Strauss: "Denn das Geheimnis der Liebe ist größer als des Todes"... Ja, ich weiß. In meinem Alter würde ich diese Aussage allerdings korrigieren wollen: Das größte Rätsel ist für mich nun doch der Tod. Je näher ich an ihn heranrücke – oder er an mich. Wozu rasch die Augen öffnen, um sie wieder zu schließen und womöglich gar nicht mehr zu wissen, dass man sie einmal offen hatte...

ZEITmagazin: Sie haben Schwierigkeiten mit dem Älterwerden? Gibt es aus diesem Grund in Ihrem neuen Roman "Am Fenster" kein Foto des Autors?

Bondy: Wenn älter werden zu einer schönen Gelassenheit führt, habe ich keine Schwierigkeiten. Es geht mehr um das Physische, die möglichen Gebrechen: Ich kann Fotos von mir nicht leiden, erst recht keine Bilder von früher. Ich lese manchmal in den Gesichtern anderer Menschen, um zu sehen, wie die Zeit vergeht. Bei mir will ich das nicht wissen. Wenn ich doch einmal ein aktuelles Foto von mir sehe, verstehe ich, warum neulich eine junge Dame für mich in der Pariser Metro aufgestanden ist.

ZEITmagazin: Sie kokettieren.

Bondy: Leider nicht. Schauen Sie, ich habe beim Rasieren inzwischen eine Technik entwickelt, die es mir erlaubt, mich dabei nicht anschauen zu müssen. Das geht ganz gut. Ich mag mich nicht im Spiegel sehen. Damit wir uns richtig verstehen: Es gibt Menschen, die schauen sich gerne an, weil sie sehr eitel sind. Ich schaue mich heute nicht gerne an, und zwar nicht weil ich so bescheiden bin. Sondern weil ich sehr eitel bin.

ZEITmagazin: Sie sind ein großer Theaterregisseur und gelten als ein Mann, der die Frauen liebt...

Bondy: Das tun viele...

ZEITmagazin: Sie wollen uns doch jetzt nicht erzählen, dass Sie sich Ihrer Wirkung nicht mehr bewusst sind?

Bondy: Sie irren sich. Ich kenne meine Wirkung nicht. Wenn ich im Theater mit Schauspielern probe, dann will ich in der Arbeit überzeugen. Wenn ich schreibe, will ich beim Schreiben überzeugen. Und wenn ich mit jemandem zum Abendessen gehe, dann möchte ich mich vergessen beim Reden. Ich weiß nichts von meiner Wirkung, vielleicht ist es so was wie der zweite Teil meines Spiegelbilds, das ich nicht sehen will. Peter Zadek zum Beispiel war da völlig anders. Er war ein Meister der Wirkung. Er liebte dieses Instrument. Er benutzte es nach Kräften.

ZEITmagazin: Sie waren mit Peter Zadek jahrzehntelang befreundet?

Bondy: Ja. Wir haben bis kurz vor seinem Tod im Sommer sehr häufig telefoniert. Er hatte immer eine solche Angst vor dem Tod. Ich glaube, bis zum Schluss. Er hätte gern noch inszeniert und wusste, dass, wenn er kein Projekt mehr zustande bekäme, sein Leben zu Ende wäre. Er ist leidend gestorben. Wie man von der Erde verschwindet, ist gesetzlos grausam, man versteht es nicht.