Als Max vor dem Abendessen noch eine Runde mit dem Fahrrad dreht, trifft er den alten Typen, der am Ende der Straße wohnt. Mr. Beckmann ist "vielleicht achtzig oder hundert", er spaziert mit seinem Schäferhund durch die Straßen, die Felder, den Wald, und wer jemals den grandiosen Illustrator Maurice Sendak zu Hause in Connecticut besucht hat, weiß, dass er hier in der Maske des knarzigen Beckmann einen kurzen Auftritt hat. Von Sendak stammt der Bilderbuchklassiker Wo die wilden Kerle wohnen, eine Geschichte, die nun von Dave Eggers unter dem Titel Bei den wilden Kerlen als Roman nacherzählt wird. "Also Maximilian", sagt dort Sendak alias Beckmann zu dem kleinen Helden des Buches: "Wie zum Henker geht’s dir?"

Sendaks Augen sind "gefährlich lebendig", seine Brauen so boshaft gebogen, "dass es aussah, als würde er ständig einen tollen und fiesen Plan aushecken". Max hat gerade das Zimmer seiner älteren Schwester unter Wasser gesetzt und sich damit neuen Ärger eingehandelt: In Eggers’ Roman, der sich dank einer Verfilmung in den USA bereits sehr gut verkauft, lebt Sendaks Figur in einer mit dem gesamten Inventar einer modernen Familie ausstaffierten, im Zweikampf der Eltern zerbrochenen Welt. Als Max erzählt, wie er die Wassereimer auf Claires Bett entleerte, den Teppichboden überschwemmte, die Kommode der Schwester und ihren bescheuerten Schrank, macht ihm der alte Mann Mut. "Jungs müssen sich Ärger einhandeln", sagt Sendak. "Sieh dich doch an. Du bist für Ärger wie geschaffen."

Deshalb mag Max den Alten. "Er war ihm gleich", so Eggers in seiner Porträtskizze des amerikanischen Zeichners, der so alt ist wie Micky Maus. "Er hatte sich anscheinend durch sieben oder noch mehr Jahrzehnte Erwachsensein manövriert, ohne auch nur einen Moment seiner Kindheit zu vergessen – was er geliebt und gehasst, gefürchtet und begehrt hatte."

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Eggers kratzt mit dieser Beobachtung am Kern von Sendaks Genie, doch er mag in seinem Roman noch so sehr bohren, die Geschichte des vier- oder fünfjährigen Max, der in Sendaks im Herbst 1963 erschienenen Bilderbuch nach einem Streit mit seiner Mutter zur Insel der wilden Kerle aufbricht und sich zu deren König macht, diese Geschichte verdankt sich am Ende doch Sendaks Bilderbuch – und Eggers bleibt letztlich hinter diesem zurück.

Eggers erfindet für Max eine scharf konturierte Biografie und gibt den tapsigen Ungetümen, denen Sendak die unspezifische Dinglichkeit der "Wild Things" belässt, konventionelle Namen. Ihre Zähne mögen noch so schief sein, ihre Nägel noch so lang: Wer hätte vor einer "Judith" ernsthaft Angst? Die wilden Kerle sind trotz ihrer Größe flink und behände, sie sind so monströs wie Kinder und reden in Eggers’ Roman so überlegt wie Erwachsene in einem späten Stadium der Demenz. Als Max die wilden Kerle zum ersten Mal sieht, springen sie von Bäumen und zerschlagen mit Stöcken und Ästen ihre eigenen Nester. "Sie warfen sich gegenseitig auf einen Haufen, sie wälzten Felsblöcke in die Trümmer. So ein tolles Chaos hatte Max wirklich noch nie gesehen."

Eggers kontrolliert dieses Chaos in seinem Roman, er liefert eine schlüssige Interpretation, die lesenswert, stellenweise sehr witzig und immer sehr clever ist, aber eben all jene unbeschriebenen Stellen der Geschichte ausmalt, durch die sich Max und die tapsigen Ungetüme des Originals in die Fantasie des Lesers hineinstehlen. "Durch Fantasie", so Sendak, "befreit sich Max, der Held meines Buchs, von seinem Ärger auf seine Mutter und kehrt müde, hungrig und im Frieden mit sich selbst in die reale Welt zurück." Von der Lektüre des Romans bleibt die Erinnerung an Maurice Sendaks Bilder.