Ein ungeheurer Schatz wird in Straubing verwahrt, doch die niederbayerische Stadt scheint davon nichts wissen zu wollen. An den Umgehungs- und Zufahrtsstraßen fehlt jeder Hinweis auf das Gäubodenmuseum. Selbst auf dem beglückend weiträumigen Straßenmarkt, der Mittelachse der ehemaligen Residenz des wittelsbachischen Herzogtums Straubing-Holland, sucht man vergeblich nach Wegweisern. Dabei sind es vom imposanten Stadtturm nur wenige Schritte bis zu dem idyllischen Geviert aus spätbarocker Fürstenherberge, Landsteueramt und Pfandhaus, in dem sich das Museum ausgebreitet hat.

Gäubodenmuseum, das klingt verschreckend nach Nazi-Nährstand-Ideologie. Gäuboden, so heißen die satten Donauniederungen des Umlandes. Das sommerliche Gäubodenfest ist so traditionsreich und bierselig wie das Oktoberfest in München. Damit haftet dem Museum seit seiner Umbenennung 1938 eine Volks- und Heimattümelei an, die nicht zu der herausragenden archäologischen Sammlung passt. Sie verdankt sich dem Engagement des immer noch aktiven, 1898 gegründeten Historischen Vereins und seit 1978 einer vorbildlich institutionalisierten Stadtarchäologie.

Straubing hieß in der Spätantike Sorviodurum und war Kastellort und Hafen der Römer am rätisch-germanischen Limes. Am 27. Oktober 1950 stießen Bauarbeiter auf dem ehemaligen Gelände eines römischen Landgutes auf eine Menge altertümlicher eiserner Werkzeuge und einen großen, umgestülpten Kupferkessel. Mit Spitzhacke und Blechschere rissen die Arbeiter den Boden des Gefäßes auf: Zum Vorschein kam ein Hort aus römischen Paraderüstungen und zierlichen Hausgöttern, zusammengerafft von Alamannen, die den erbeuteten Schatz beim weiteren Vorstoß zurücklassen mussten.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Auf Augenhöhe begegnet der Museumsbesucher den sieben maskengleichen Gesichtshelmen. Fast schon individuell wirken die mal fleischigen, mal hageren Züge des sogenannten "hellenistischen Typs". Es gibt kirschmundige und schmolllippige, lang- und breitnasige Männerantlitze mit dünnen oder dramatisch buschigen Augenbrauen über den sichelförmigen Sehschlitzen, mit donauwelligem oder schneckenhausgedrehtem Haupthaar. Kriegerisch wirkt nicht eine dieser aus dünnem Messingblech sanft hervorgetriebenen Schutzmasken, die ursprünglich mit Scharnieren an einem Hinterkopfhelm befestigt waren, sodass das Haupt des Trägers prächtig eingekapselt war.

Noch weicher treten die drei Gesichtshelme des "orientalischen Typs" aus dem rot grundierten Vitrinendunkel hervor. Schmale, ebenmäßige, golden schimmernde Gesichter mit großen Augen und hochgetürmten Kringelfrisuren. Matte Lötstellen zeigen, dass Wangen, Stirn und Mittelscheitel einst mit Schmucksteinen besetzt waren. Die Forscher halten diese Masken für weiblich.