Ritalin

Über die erstaunliche Karriere eines Betäubungsmittels

Das ist Gewohnheitssache. Als das Jahrzehnt noch frisch war, hatten sich viele an die hilfreichen Pillen mit dem Wirkstoff Methylphenidat noch gar nicht gewöhnt. Die sollten besonders auffällige Kinder einnehmen, etwa in Form des Produkts Ritalin, um nicht durch Unruhe aufzufallen, weder im Unterricht noch bei den Eltern zu Hause.

Die Erwachsenen wollten, dass sich die anstrengenden Kinder nicht durch anhaltendes Rumzappeln entspannen, sondern lieber leise, mit Pille, wenn schon sonst nichts half, um die Ruhigsitzernorm zu erfüllen. Seinerzeit haben auch Fachleute vor Missbrauch gewarnt, diese Psychomedizin sei in ihren Nebenwirkungen nicht gut erforscht, und ob es nicht klüger wäre, den Kindern mehr Auslauf im Freien zu lassen, einen geregelten Tag einzurichten und sie mit weniger Lärm-, Zucker- und Medienmüll zu bewerfen.

Dann aber haben sich wohl immer mehr Eltern das Hilfsmittel von ihren Kleinen probehalber mal ausgeliehen. Die Pillen fallen unter das deutsche Betäubungsmittelgesetz, so leicht also bekommt sie ein Gesunder gar nicht verschrieben. Man konnte unterdessen erfahren, dass solche Konzentrationsförderungshilfen in den amerikanischen Universitäten den Leistungswilligen auf die Sprünge halfen.

Und wie sie halfen: umgehend! Schneller als Wellness. Die Zeit im gestrigen Sinne des Wortes, also die langsam Moment für Moment verstreichende Zeit, die man für die Ruhe der Seele, für inneren Abstand braucht, hatte im neuen Möglichkeitsterrorjahrzehnt keiner mehr. Außer denjenigen Menschen, für die unter Kindern das Wort "Loser" die Runde machte. Die anderen hatten es eilig, sehr eilig, und wollten dabei doch ganz entspannt wirken; schneller als mit Ritalin lässt sich Konzentration kaum bekommen, schon gar nicht für Geld.

Inzwischen, zum Ende des Jahrzehnts, haben Wissenschaftler in der führenden Zeitschrift Nature argumentiert, es sei eine Frage der Gerechtigkeit und der Chancengleichheit in Bildungsangelegenheiten, diese Stimulanzien freizugeben. Sonst könnten nur die Gedopten und Begüterten im Wettbewerb reüssieren, und die Selbstverbesserungskunst des Menschen sei schließlich nichts Neues; zudem kam ein schönes Wort für die mentale Optimierung in die Welt, "Neuro-Enhancement", und das klang nun auch nicht mehr so provinziell-pädagogisch wie "Konzentrationsförderung". Es klang eher weltläufig, wie "Da geht noch was".

Etwa so muss es wohl gekommen sein, dass allein von 1999 bis 2008 in Deutschland die Zahl der jährlich verordneten Tagesrationen an Methylphenidat von acht auf 53 Millionen gestiegen ist. Die Pharmaindustrie sähe Ritalin gern auch für Erwachsene zugelassen, der Markt an Gesunden ist ja noch größer als der an Kranken. Dann würde man zwar eine Art pharmazeutischer Fußfessel tragen. Aber die sieht ja keiner. Elisabeth von Thadden