Eigentlich zeugen die Zeitungsartikel, die auf einem Glasschaukasten im Verwaltungstrakt der Dresdner Semperoper kleben, von einem großartigen Jahr für das Haus. Schließlich hat vor zwei Wochen Christian Thielemann, der beste lebende deutsche Dirigent, seinen Vertrag an der Semperoper unterschrieben. Kurz zuvor hatte die Staatskapelle auch noch den Berliner Philharmonikern das lukrative ZDF-Silvesterkonzert abgeluchst – von 2010 an wird sie es spielen. Doch rundum glücklich wirken zumindest die Musiker der Staatskapelle noch nicht. Die Jubelarien verdecken einen Streit.

Wer nämlich die Artikel von der Vitrine ablöst und dahinter auf das Schwarze Brett schaut, findet ein dort angebrachtes mehrseitiges Papier, in dem der Orchestervorstand, die Musikervertretung der Staatskapelle, sich bitter beschwert: "Ein Fortbestand der künstlerischen Autonomie der Staatskapelle ist nur schwer denkbar, da die nötigen Strukturen hierfür missachtet wurden."

Es geht nicht um Wagner, Weber oder Strauss, sondern um Kompositionen von Juristen: Bereits im Frühjahr hat der Verwaltungsrat der Semperoper einen Geschäftsverteilungsplan durchgesetzt, mit dem der Orchestervorstand sich bis heute nicht abfinden will. Mehr als 20.000 Euro hat er daher schon an seinen Anwalt überwiesen. Wenn 2010 der neue Verwaltungsrat und die neue Intendantin Ulrike Hessler die Leitung des Hauses übernehmen, will die Musikervertretung das Thema wieder spielen.

Inhaltlich geht es um Petitessen, etwa darum, ob das Orchester für den unwahrscheinlichen Fall einer Zeit ohne Chefdirigent Einfluss auf die künstlerische Planung hat. Symbolisch geht es um mehr: Ist das Orchester in erster Linie Teil der Semperoper? Oder ist es selbstständig und gewissermaßen ein Dienstleister, der die Oper bespielt und sonst in eigener Regie Konzerte gibt und Tourneen absolviert? Der Konflikt gewährt Einblicke in ein kulturelles Heiligtum Dresdens. Er zeigt, dass es dort nicht nur um das Schöne, Gute und Wahre geht, sondern auch um Diventum, Eifersucht und schnöden Mammon. Die Angestellten dieses Unternehmens spielen ja nicht allabendlich für das "Frackgeld", jene zehn Euro, die mancher Dirigent in Dresden bekommt, wenn die Staatskapelle ihn einlädt.

Wolfram Große, seit zehn Jahren in Diensten der Staatskapelle und Mitglied des Orchestervorstandes, ist eigentlich Soloklarinettist, lässt aber keinen Zweifel daran, wer aus seiner Sicht die erste Geige spielt: "Es ist unsere Aufgabe, die Konzerte zu organisieren und zu vermarkten. Daran lassen wir die Oper partizipieren. Aber wir geben das nicht aus der Hand. Auf dem Papier steht das zwar nirgends, aber das wird seit Ewigkeiten so gelebt." Auch die Verpflichtung des künftigen Chefdirigenten sei letztlich ein Erfolg des Orchesters: "Thielemann kannte ich aus Bayreuth. Den haben wir im Alleingang geholt." Große deutet auf das Logo der Staatskapelle im Programmheft, das die künftige Intendantin erfolglos verändern wollte, und sagt: "Immer wieder haben Opernintendanten versucht, Einfluss auf die Autonomie des Orchesters zu nehmen. Dies haben wir immer verhindert."

Dabei ist Ulrike Hessler eine freundliche Frau, die gar nicht den Eindruck macht, die Herrschaft mit Pauken und Trompeten an sich reißen zu wollen. "Ich komme ja nicht trotz, sondern wegen der Staatskapelle nach Dresden", sagt sie und vermutet, dass die Musiker über den Geschäftsverteilungsplan "überrascht waren, als sie das erste Mal schriftlich gesehen haben, dass sie rechtlich nicht so eigenständig sind, wie sie dachten". Das goldene Logo hat sie dem Orchester trotzdem gelassen: "Es kommt ja nicht auf Paragrafen an, sondern darauf, wie wir miteinander umgehen."

Dass das trotzige Selbstbewusstsein der Orchestervertreter bisweilen an das von Gewerkschaftsführern erinnert, hat verschiedene Gründe. So ein Musiker hat sein Instrument meist mit fünf oder sechs Jahren zu spielen begonnen und dann 20 Jahre einsamer, harter Arbeit investiert. Um schließlich im Orchester aufgenommen zu werden, gilt es, sich nach einem anonymen Vorspiel hinter einem Vorhang einer Abstimmung der Kollegen zu stellen – und nach einem Probejahr noch einmal. Wer dieses darwinistische Auswahlsystem überlebt, lässt sich von einem Geschäftsverteilungsplan nicht mehr beeindrucken.

Zudem verstärkt das reiche Erbe der Staatskapelle den Gestaltungsanspruch. Seit über 460 Jahren haben große Komponisten ihre Werke von dem Orchester uraufführen lassen oder gar extra für diesen Klangkörper geschrieben, der sich seit Jahrhunderten entwickelt und reproduziert. Daraus hat sich eine Art gefühlter Staatskapellenseparatismus entwickelt. "Das Niveau der Oper ist nun einmal niedriger als das der Staatskapelle", sagt Musiker Große. Auch wenn die Oper Teil der Tradition sei und die Staatskapelle daran nichts ändern wolle. In dieser Gemengelage trifft es sich gut, dass Orchesterdirektor Jan Nast gelernter Hornist ist. Das Horn hat im Orchester nämlich eine Bindeposition zwischen Holz- und Blechbläsern, sein lyrisches Moment versöhnende Wirkung. Diese Eigenschaft hilft dem Kulturmanager Nast mit Blick auf eine schwierige Doppelrolle: "Andere Sinfonieorchester auf dem Niveau der Staatskapelle müssen selten auch noch eine Oper bespielen."