Vielleicht liegt es daran, dass es für gewisse Jobs eine gewisse Ernsthaftigkeit braucht. Vielleicht verführt diese Ernsthaftigkeit gewisse Männer dazu, mehr Fragen zu stellen als nötig. Und vielleicht wird dieses Grübeln dann zum Problem. Hervé Falciani ist so ein ernsthafter junger Mann, 37 Jahre alt, Franzose italienischer Herkunft, verheiratet, eine Tochter. Zuletzt gemeldet im Genfer Stadtrandquartier Acacias, Vierzimmerwohnung. Letzter Arbeitgeber: die HSBC Private Bank.

Für sie wurde Hervé Falciani ebenso zum Problem wie für die schweizerisch-französischen Beziehungen. Denn zwischen 2006 und 2007 kopierte der Informatiker sensible Daten, um sie dann, nach einer verwirrenden Odyssee, den Steuerbehörden in Paris sowie der Staatsanwaltschaft des Departements Alpes Maritimes zu übergeben. Tausende Schwarzgeld-Konten von französischen Bürgern flogen damit auf – ein kleiner Triumph für Frankreichs Budgetminister Eric Woerth; ein weiterer Ärger für den Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz; und neuer Sprengstoff für die Beziehungen zwischen Bern und Paris. Denn was Falciani tat, ist in der Schweiz illegal, und somit gelangten die verräterischen Disketten unrechtmäßig in die französischen Justizmühlen. Der Schweizer Bundesrat legte Ende Dezember das Doppelbesteuerungsabkommen mit Frankreich auf Eis. Hervé Falciani lebt heute unter Polizeischutz im Großraum Nizza.

Ein Schlag mehr. Das Bankgeheimnis starb im vergangenen Jahr allerlei Tode, nach den Verstö-ßen der UBS in den USA musste die Schweiz Hals über Kopf Hunderte von geheimen Kontodaten nach Washington übermitteln, und unter dem Druck von diversen schwarzen und grauen Listen war Berns Wirtschaftsdiplomatie gezwungen, die feinen Differenzen zwischen Hinterziehung und Betrug vollends zu verwässern. Mit Hervé Falcianis Tat kam nun jedoch ein anderes Problem ins helle Licht: Das Bankgeheimnis wird auch von innen durchlöchert. Verrat ist zur dauernden Bedrohung geworden.

So konnten die amerikanischen Justizbehörden ihren knallharten Druck auf die UBS nur aufbauen, weil deren Angestellter Bradley Birkenfeld seine Korrespondenz, seine Tricks und massenhaft Kontoauszüge auf den Tisch gelegt hatte. Die Liechtensteinische Landesbank musste sich zuvor gegen zwei Männer wehren, die in Rostock eine Liste von 2300 – meist deutschen – Kunden vorlegten und dafür Geld forderten; ein Mitarbeiter hatte die Daten bereits 2002 kopiert, war gefasst worden, aber das Material geriet auf unbekannten Spuren in die Halbwelt. Und schließlich konnten auch die Spezial-Steuerfahnder der Staatsanwaltschaft Bochum ihre spektakuläre Aktion von 2008 – samt fernsehgerechter Verhaftung des Post-Chefs Klaus Zumwinkel – nur durchziehen, weil ein Mann von innen ausgepackt hatte: Heinrich Kieber, Informatiker aus Liechtenstein, heute 44.

Wie Falciani in Genf, so war auch Kieber bei der fürstlichen LGT Treuhand AG in Vaduz ein unbeachteter Techniker, an dem die Bonus-Partys der Banker vorbeigegangen waren. Seine Aufgabe war es, die alten Datenbestände in ein elektronisches Archiv zu überführen. Dabei zog er Kopien mit Angaben zu rund 1400 Kunden der LGT. Im Januar 2006 sandte er – vorerst anonym – eine Mail an den deutschen Geheimdienst BND: Er habe Informationen über Schwarzgeld in der Höhe von 3,5 Milliarden Euro, ob man interessiert sei? Er schiele nicht auf eine Belohnung, behauptete der Absender damals, sondern er melde sich wegen eines "tief empfundenen Unrechtsgefühls". Ganz glauben mag man das nicht. Zwar gibt es von Kieber keine Aussagen, er wurde vom deutschen Bundeskriminalamt abgeschirmt und erhielt inzwischen sogar eine Tarn-Identität; klar jedoch ist, dass er sich das tiefe Unrechtsgefühl hoch honorieren ließ: Alleine von der deutschen Regierung erhielt er über ein BND-Konto ein "Informantenhonorar" von gut sechs Millionen Franken – für Angaben zu 4527 Liechtensteiner Stiftungen.