Dirk Niebel, vormals Generalsekretär der FDP und seit Ende Oktober Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kommt einem seiner politischen Ziele im neuen Amt bereits recht nahe. Er wolle Deutschland als Akteur der Entwicklungszusammenarbeit wieder sichtbar machen, erklärt Niebel stets, wenn er begründet, warum sein Ministerium sich in Zukunft stärker auf Projekte mit einzelnen Staaten konzentrieren werde – auf Kosten der Kooperation mit Partnern in international koordinierten Vorhaben. Tatsächlich boten des Ministers erste Monate im Amt bereits so viele spektakuläre Kontroversen, dass man durchaus von einer neuen Sichtbarkeit sprechen kann. Ob das aber nützlich ist, für Deutschland, seine Partner oder wenigstens für Dirk Niebel selbst, das ist eine andere Frage.

Zuletzt fiel der Minister beim Klimagipfel in Kopenhagen auf – durch seine sympathisch-unbeholfene Ankündigung "I prefer to speak German, I hope you like it" in einer Diskussion über den Schutz des Regenwalds im Kongo, aber mehr noch durch Abwesenheit. Beim wichtigen Treffen seiner europäischen Amtskollegen ließ sich der Neue aus der schwarz-gelben Koalition durch seine Staatssekretärin vertreten. Er selbst reiste ab, weil er die Kür seines Nachfolgers auf dem Posten des FDP-Generalsekretärs nicht versäumen wollte. Die Partei geht vor: Europas Entwicklungsexperten waren besorgt bis brüskiert. Das Deutschland, das sich in Gestalt Dirk Niebels präsentiert, ist an einer Führungsrolle in der internationalen Zusammenarbeit augenscheinlich nicht mehr interessiert.

In dieser Woche bricht Minister Niebel kurz nach dem Dreikönigstreffen der FDP zu Besuchen in Ruanda, dem Kongo und Mosambik auf, in "unseren eigenen Vorgarten", wie er den afrikanischen Kontinent kürzlich nannte. Es ist seine Jungfernreise im neuen Amt, und dabei würde jeder Novize unter besonderer Beobachtung stehen. Bei diesem aber knistert die Spannung ungleich stärker: Wie wird er auf die Berührung mit der Armut reagieren? Mit welcher Haltung den afrikanischen Partnern begegnen?

Dirk Niebel, 46 Jahre alt, ein ehemaliger Berufssoldat, Arbeitsvermittler und populistischer Frontmann seiner Partei, der das Amt, das er nun versieht, im Bundestagswahlkampf noch hatte abschaffen wollen: Bereits seine Berufung war eine Provokation. "Ein Akt der Politikverachtung durch die Politik", tobte die Süddeutsche Zeitung – während Niebel, kaum im Amt, wie gewohnt Schlagzeilen schrieb.

Zahlungen an China kürzen! Mit dieser Formel landete er seinen ersten Coup. Pekings Botschafter in Berlin war nicht amüsiert, dies in der Bild-Zeitung zu lesen. Es folgte die Aufkündigung des EU-Stufenplans zur Erhöhung der Entwicklungsausgaben. Darin hatten die europäischen Staaten festgelegt, in welchem Tempo sie den Anteil ihres Hilfsetats auf 0,7 Prozent ihrer Bruttosozialprodukte steigern wollten – Dirk Niebel erklärte das einseitig für unrealistisch. Dann: die Absage an eine Steuer auf Finanztransaktionen; eines der international koordinierten Projekte, das Niebels sozialdemokratische Amtsvorgängerin Heidemarie Wieczorek-Zeul vorangetrieben hatte. Dafür stritt allerdings auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. So handelte sich der FDP-Minister seinen ersten Rüffel ein.

Die Reihe problematischer Ankündigungen ließe sich verlängern, doch Niebel gleicht den Mangel an Erfahrung mit Emsigkeit aus. Fleiß, Gehorsam und Disziplin hat er bereits als Fallschirmspringer bei der Bundeswehr und gewissenhafter arbeitsmarktpolitischer Sprecher seiner Fraktion bewiesen. Kantige Spuren spiegeln das in seinem Gesicht wider, während die andere, weichere Seite oft von einem delphinhaften Schmunzeln geprägt ist. Man könne Niebel wegen seiner Freundlichkeit leicht unterschätzen, meinen jene, die ihn lange kennen. Der neue Minister könne gut zuhören, das bescheinigen ihm Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Kirchen nach ihren Antrittsbesuchen; er stelle viele Fragen. Diese Offenheit loben auch seine Beamten in Bonn und Berlin, die ihrem vermeintlichen Terminator zunächst mit Vorbehalten gegenübertraten. Nach ein paar Wochen sind sie von seinem "kameradschaftlichen Umgang" angetan; einer nennt Niebel gar "knuffig".

Der Neue verzichtet auf die Allüren seiner Vorgängerin

Den Sinneswandel verdankt der Neue nicht zuletzt den Allüren seiner Vorgängerin. Heidemarie Wieczorek-Zeuls Zielen und ihrer Ausdauer trauern zwar viele im Ministerium nach, aber als Führungskraft? Überall Stoßseufzer der Erleichterung, dass es mit "HWZs" barschen Umgangsformen nach elf Jahren ein Ende hat. Der Neue hingegen beweist Humor. Über seinen unglücklichen Start sagt er: "Nach so viel Häme kann es ja in der Realität nur besser werden."

Und manche Mitarbeiter entspannen sich noch aus einem anderen Grund. Die Vorgaben des Koalitionsvertrags, die Niebel brav befolgt, passen wie die liberale Ausrichtung, nach der er lautstark sucht, auf einigen Gebieten durchaus zur bisherigen Politik des Ministeriums. Das Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" etwa, Mikrokredite für arme Existenzgründer, Vorrang für Klimaschutzprojekte, der stärkere Einsatz für Menschenrechte, Demokratie und gutes Regieren in armen Ländern, ja sogar ein internationales Insolvenzverfahren, das Entwicklungsländern die demütigenden Willkürentscheidungen ihrer Gläubiger ersparen würde: All diese Ziele teilt Dirk Niebel mit seinen Kritikern.