Es gibt viele Gründe, in ein Museum zu gehen, und nicht immer ist es die Qualität der Exponate selbst, die einen lockt. Manchmal ist es einfach die Stimmung, die man mag. So einen stimmungsvollen Ort gibt es, fast vergessen, in Halle an der Saale – Universitätsstadt, Luther-Stadt, Händel-Stadt und eine Stadt mit dreizehn Prozent Arbeitslosigkeit. Trotz seines historischen Erbes gehört Halle nicht zu den Gewinnern der Wende, und das zeigt sich überall: Häuser stehen leer, Jugendstilputz fällt von vergammelnden Fassaden und hinterlässt rote Wunden aus Backstein, Fenster sind vernagelt, junge Leute wandern ab.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Vor der DDR, vor dem Krieg war es anders hier. Viele der Häuser, die jetzt verfallen, waren die Villen wohlhabender Bürger, und der Stolz auf die große Geschichte ist weiterhin spürbar: auf der Straße, in den immer noch ausgezeichneten Buchgeschäften (mein Lieblingsantiquariat ist, so ändern sich die Zeiten, gleich neben einem Headshop) und in den vielen Museen der Stadt. Das Händel-Haus zieht die meisten Touristen an, aber da ist auch noch das Christian Wolff-Haus, das Museum für Vorgeschichte mit seinem trutzigen Bau aus der Kaiserzeit, da sind die wunderbaren Franckeschen Stiftungen mit ihrer Kunst- und Naturalienkammer (einer von ganz wenigen, die es in Deutschland noch gibt) – bis hin zum Museum für Haustierkunde.

Das klassizistische Gebäude des Archäologischen Museums Robertinum in der Innenstadt beherbergt eigentlich eine bescheidene Sammlung; schließlich sind die meisten klassischen Skulpturen hier Nachgüsse aus Gips und keine unbezahlbaren Originale. Trotzdem ist es ein Zeugnis zweier Kulturen – der griechisch-römischen, die es feiert, und der bürgerlich-aufklärerischen, die es möglich gemacht hat.

Auch die Geschichte des Museums ist zutiefst aufklärerisch und sehr hallensisch. Der Grundstock stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert, von Johann Heinrich Schulze, einem Universitätsprofessor für, wie es in diesen universalen Zeiten hieß, "Anatomie und Wundarznei sowie Arzneigelehrtheit, Beredsamkeit und Altertümer". Der früh verwaiste Schneiderssohn verdankte seinen Aufstieg einem gewissen August Hermann Francke, der ein Waisenhaus errichtet hatte, in dem die Zöglinge dazu angehalten wurden, eine ihren Talenten entsprechende Ausbildung zu machen. Hier lernte der kleine Johann Heinrich Latein und bestaunte die Stücke der Kunst- und Naturalienkammer, die Francke im Dachgeschoss der Stiftungen zusammengetragen hatte.

Professor Schulze machte Karriere, wurde als Chemiker, ohne es zu ahnen, zum Pionier der Fotografie, als er die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze entdeckte, und sammelte antike Münzen, um sie in seinen Vorlesungen als Anschauungsmaterial zu gebrauchen. Einer der Studenten, der ehrfürchtig die Münzen des Professors in der Hand wog, war übrigens Johann Joachim Winckelmann. Über das folgende Jahrhundert wurden der Sammlung immer wieder Stücke hinzugefügt, schließlich ein großer Bestand an Gipsabgüssen berühmter Statuen. Im 19. Jahrhundert sah man nichts Anstößiges an Nachbildungen – auch das Victoria & Albert Museum in London ist voll davon. Ein eigenes Gebäude bekamen die Stücke erst 1891, den eleganten Bau, in dem sie noch gezeigt werden.

Wenn man heute, unweigerlich als einziger Besucher, zwischen Säulen und gipsernen, mit kämpfenden nackten Kriegern und Zentauren bevölkerten Reliefs die Treppe zu den Ausstellungsräumen hinaufgeht, ist man in der Welt eines deutschen Bildungsbürgertums, das sich in antike Gewänder kleidet.

In den drei Museumsräumen Kaiser, Knaben und Koren dicht an dicht, und man trifft immer wieder auf alte Bekannte: Homer steht in einem Winkel, Apoll und mehrere Athleten versuchen sich mit großen Gesten etwas Platz zu schaffen in dem Gedränge. Auch wenn diese Aufstellung kaum älter ist als hundert Jahre, es ist, vielleicht aus Platzmangel, die Museumsästhetik des 18. Jahrhunderts, die Schönheit des Überflusses. Es ist nicht nur eine akademische Lehrsammlung, sondern auch ein Museum eines längst aus der Mode geratenen Ideals, das zwar oft totgesagt wurde, aber noch längst nicht tot ist.