ZEITmagazin: Herr Eder, manche Betrachter sagen, Ihre Bilder seien so süßlich, dass es wehtäte.

Martin Eder: Das hat etwas mit Tarnung und Verführung zu tun. Ich tarne meine Aggressionen und verpacke sie wie ein Hochzeitskleid, aber eigentlich will ich meine Wut loswerden.

ZEITmagazin: Haben Sie auch eine selbstzerstörerische Seite?

Eder: Ich kenne schon so etwas wie Autoaggression, aber ich versuche natürlich, das in meine Kunst zu lenken. Deswegen würde ich mir meine Bilder auch nie selber an die Wand hängen. Die Bilder sind wie Batterien, die von mir aufgeladen sind, die ich aber weitergebe – ich bin froh, wenn sie weg sind.

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ZEITmagazin: Sie sind dank der Kunst Ihre Aggressionen los?

Eder: Nun, es gibt noch einen anderen Trick. Ich habe mir für meine Band die musikalische Figur Richard Ruin geschaffen, mein Alter Ego, das all das machen kann, was ich besser nicht machen sollte. Richard Ruin ist eine ziemlich ungesunde, traurige Figur. Mir sagte mal jemand, er sei das, was man nachts in den Pfützen sieht, wenn die Regentropfen reinfallen.

ZEITmagazin: Wie praktisch: Dann haben Sie Ihre wilde Seite an Richard Ruin outgesourct?

Eder: Das könnte man so sagen. Aber es gab einen anderen wichtigen Wendepunkt in meinem Leben. Es war vor fünf Jahren. Ich hatte damals eine sehr ungesunde Lebensweise. Ich und Richard Ruin waren zu nahe beieinander. Jedenfalls hatte ich eine Herzmuskelentzündung und kam ins Krankenhaus. Um sicherzugehen, dass es kein Infarkt war, stand eine Herzkatheter-Untersuchung auf dem Programm. Um 19 Uhr ging es in den OP. Auf dem Weg dorthin sah ich überall Zettel an der Wand: "Achtung, heute 20 Uhr: Stromausfall – Notstromprüfung". Im OP sagte ich den Leuten: "Ist es nicht schon ein bisschen spät, wir haben jetzt 19.15 Uhr?" – "Nein, alles kein Problem", hieß es, "in zehn Minuten sind wir fertig." Im Saal war eine riesige Uhr mit einem Zeiger, der immer so – klong! – nachschwingt. Ich sah, wie der Zeiger wanderte. Natürlich gab es Komplikationen, und es wurde immer später. Der Schlauch wird dabei ja direkt in die Herzkammer geführt, und man spürt alles, weil man nur örtlich betäubt ist. Irgendwann ist es zehn vor acht, und die Telefone klingeln, aber der Oberarzt sagt: "Nicht rangehen, das sind die Hausmeister von unten, wegen dieser blöden Prüfung. Ich bin gleich fertig." Und er macht weiter. Es ist fünf vor acht. Es klingelt noch mal. Letzter Alarm. Da endlich sagt der Arzt: "Okay, ich zieh jetzt raus", und er zieht diese Sonde raus, und bei dieser Aktion hört mein Herz auf zu schlagen. Auf den Monitoren eine lange grüne Linie und ein gleichbleibender Piepton.

ZEITmagazin: Das haben Sie nicht selber wahrgenommen?

Eder: Doch, ich war ja wach. Flatline auf dem Monitor. Und in dem Moment gehen die Lichter und die Monitore aus. Ich wusste von meinem Herzstillstand, und die Instrumente waren weg. Dann war ich bewusstlos. Natürlich ging die Notstrombeleuchtung an, und die Monitore starteten neu, und ein Arzt reanimierte mich mit einem Defibrillator, der mit Batterien funktioniert. Es waren vermutlich nur 20 Sekunden, aber sie fühlten sich wie Ewigkeiten an. Und das Erstaunliche war: In dem Moment, als das EKG aussetzte, hatte ich das Gefühl einer wahnsinnigen Ruhe. Ich stand an einem Punkt im Leben, wo ich mich entscheiden konnte, wie es weitergehen soll. Und da wusste ich: Ich will hier bleiben, ich will nicht sterben. Es fühlte sich an wie eine ganz bewusste Entscheidung, die mein Leben dann auf eine neue Schiene gesetzt hat. Dieser Herzstillstand war meine Rettung.

 

ZEITmagazin: Was haben Sie daraus gelernt?

Eder: Ich habe Faulheit erlernt und das präzise, glasartige Agieren und dass man alles in der Hand hat. Es gibt ja von Tom Waits die Zeile: Everything you can think of is true. Man kann die absurdesten Dinge wollen. Aber man kann sich eben auch am Leben erhalten – genauso wie man sich selbst töten kann.

ZEITmagazin: Will man überhaupt immer gerettet werden?

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Eder: Ich glaube schon. Der Spruch, den wir aus dem Kino kennen: "Lasst mich hier liegen, ohne mich schafft ihr es" – und dann werfen sie ihm noch eine Pistole mit einer Kugel zu und ziehen weiter, das ist ein Klischee.

ZEITmagazin: Sie versuchen jetzt, vorsichtiger zu leben?

Eder: Ich bin sehr vorsichtig, aber trotzdem passiert mir immer so viel. Dabei habe ich unglaubliche Ängste. Ich würde nie tauchen gehen oder bungeespringen. Ich habe schon Angst, wenn ich in ein Flugzeug steige. Aber ich habe mehrere Autounfälle überlebt, die wirklich grenzwertig waren. Das Auto war nur noch so groß wie diese Teekanne hier auf dem Tisch, aber mir ist gar nichts passiert.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold