Was für Nachrichten", sagt Karl-Heinz Hartmann, "was für ein Jahr." DDR-Creme besser als Nutella , las er. Ostdeutscher Haselnussaufstrich über Westniveau. "Endlich", jubelt Hartmann, "schmecken wir auch dem Westen."

Der 59-jährige Unternehmer aus Freital, Konditormeister in der dritten Generation, ist der Mann hinter Nudossi, dem Brotaufstrich aus Radebeul mit 36 Prozent Haselnussanteil, der "Ost-Nutella". Der "Nutella der DDR", was nach "mangelhaft" klingt, irgendwie immer noch. In Radebeul finden viele, dass künftig einfach "West-Nudossi" sagen sollte, wer Nutella meint. Denn in der Fabrikstraße 4 entsteht, inzwischen quasi amtlich bestätigt, ein Top-Produkt. Bestplatziert in Öko-Test . Man ist wieder wer. "Wir machen keine Schuhcreme. Bei uns sind Haselnüsse drin, wo Haselnuss draufsteht", sagt Hartmann. Pro 100 Gramm Aufstrich mehr als doppelt so viele wie in Nutella zum Beispiel.

Als Geschäftsführer der Sächsischen und Dresdner Back- und Süßwaren GmbH ist Karl-Heinz Hartmann Besitzer einer Marke mit wechselvoller Nachwendegeschichte. 1994 geht Vadossi, der damalige Nudossi-Hersteller, pleite. Hartmann will in dessen alten Hallen, die er zwei Jahre später kauft, eigentlich nur Stollen backen lassen. Als bei einer Pressekonferenz ein Reporter fragt, ob hier nicht einst auch Nudossi hergestellt worden sei, antwortet Hartmann: "Klar. Kommt auch wieder." Eigentlich nur ein Scherz. Am nächsten Tag steht die Ankündigung allerdings in allen Zeitungen.

Hartmann sagt, dass er am Schreibtisch sterben werde, dass er von der Arbeit lebe und vom Nikotin. "Als Geschäftsmann", meint er, "kann man in so einer Situation nicht mehr zurück."

Also organisiert die Familie über einen Onkel das Originalrezept des VEB Elbflorenz. Kauft die Namensrechte vom Mitteldeutschen Rundfunk, der sie sich nach der Wende für Fernsehproduktionen gesichert hat. Und bringt den alten Aufstrich neu auf den Markt. Anfangs geht Nudossi weg wie die warmen Semmeln, auf denen es am besten schmeckt. Die Fangemeinde aus dem Osten, seit Jahren auf Nussaufstrich-Importe aus den alten Bundesländern angewiesen, kauft die Regale leer. Die Leute sehnten sich nach Nudossi, glaubt Hartmann. "Wir haben den richtigen Zeitpunkt erwischt."

2005 gerät die junge Firma dennoch in Schwierigkeiten. Die Banken fordern mehr Sicherheiten für Kredite; vor der Weihnachtsproduktion ist Hartmann, der sich ohne reichlich Eigenkapital in die Existenzgründung gewagt hatte, zahlungsunfähig. Die Fans reagieren mit Hamsterkäufen und decken sich ein, bei Ebay kostet die 200-Gramm-Packung zeitweise zehn Euro. Hartmann muss eine Mitarbeiterin abstellen, die sich nur um die Beantwortung von Solidaritätspost kümmert, um Fan- und Liebesschreiben. Manche Anhänger überweisen Geld, ungefragt, Hartmann kann es nicht annehmen.

Kein Wunder, dass ein Insolvenzverwalter an die Marke glaubt. Er verschlankt das Unternehmen, schließt die eigenen Verkaufsfilialen, konzentriert den Vertrieb auf Supermarktketten.

"Heute", sagt Hartmann, "sind wir für die Banken der Held." Denn jetzt, vier Jahre später – Hartmann und Familie führen das Unternehmen längst wieder selbst –, folgt die süße Überraschung: Seit Öko-Test Nudossi im Sommer 2009 zum Testsieger gekürt hat, weit vor Nutella, haben die Verkäufe um 45 Prozent zugelegt. Mehr als 12.000 Tonnen Nudossi wurden 2009 verkauft. Fünf Millionen Becher. 2010 soll das noch gesteigert werden.

Nudossi braucht Platz. Deshalb baut Hartmann auf 1000 Quadratmetern für zwei Millionen Euro eine neue Lagerhalle. Wer das Werk besucht, wird zuerst den Neubau sehen. Nudossis Schokoladenseite.