Mitten im Dresdner Winter tritt ein Mann, der aus der Sonne kommt, in den sächsischen Landtag. Er trägt eine gesunde Bräune. Wo er denn gewesen sei, fragen seine ostdeutschen Kollegen. Der westgeborene Ankömmling nennt einen fremden Ort, in perfekt näselnder Aussprache. Wo das liege, dieses "Rängs", möchte jemand wissen. "In Frankreich. Ihr würdet es wohl Raims nennen. Und damit ihr einen Eindruck bekommt, wie man dort genießt, habe ich euch aus Reims Champagner mitgebracht." Typisch Besserwessi? Niemand sieht das so. Man trinkt. Man ist kollektiv angetan. Vom Geschmack und voneinander.

Die Runde ist eine Fraktionssitzung der Linkspartei. Der Ankömmling ist Professor Gerhard Besier, Leiter des Instituts für Europastudien der TU Dresden, Mitglied einer weit verzweigten und vermögenden Familie, wohnhaft mit Frau und Kindern standesgemäß in einer Villa oberhalb der Elbe. Ein Bildungsbürger, wie er im Schwarzbuch traditioneller Altlinker stehen könnte. Doch Besier steht im Abgeordnetenverzeichnis.

Seit Oktober sitzt der 61-Jährige für Die Linke im Landtag, neben der jüngsten Abgeordneten Julia Bonk und dem ehemaligen Stasi-Zuträger Volker Külow. Ein Religionswissenschaftler, der in seinen Büchern über die DDR-Zeit kein gutes Haar lässt am SED-System samt Blockparteien und Kirchen. Ein früherer Berater Helmut Kohls, den Sachsens Christdemokraten 2003 von Heidelberg an die Elbe holten und als Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung einsetzten, wo er möglichst viele Parallelen zwischen NS- und SED-Staat ziehen und sich an der Delegitimierung der DDR abarbeiten sollte. Jetzt steht er dem Wissenschaftsausschuss der Linkspartei vor. Unlängst saß dort noch Werner Bramke, der lange zur intellektuellen DDR-Elite zählte.

Besiers Berufung war ein Coup. Die Überraschung hält an. Auch in der eigenen Partei, deren Landesrat ihn zunächst abgelehnt hatte. "Vor 25 Jahren gab es hier bestimmt viele, die jemanden wie mich gern enteignet hätten", sagt Besier und lächelt. Vielleicht auch darüber, dass der einst schwer verdauliche Brocken nun für Die Linke zum Appetithappen geworden ist. "Ein intellektuelles Schwergewicht", schwärmt Fraktionschef André Hahn. "Ein vielschichtiger Denker", sagt der Parteivorsitzende Rico Gebhardt. Dabei attestierte der so Gelobte noch vor wenigen Jahren dem Programm der PDS, es sei "nicht tragfähig", weil es vor allem "die Sehnsucht nach Wärme, Schutz und Heimeligkeit" bediene und Menschen "in ein illusionäres Denken" führe. Ein Denken, das wie Drogen wirke.

Nun ja, sagt Hahn, und seine Mundwinkel heben sich einen Millimeter, "Besier ist eben ein Freigeist." Nun ja, sagt Besier, "die PDS wäre für mich immer noch inakzeptabel". Die Linke jedoch sei völlig anders, erstaunlich offen, diskussionsfreudig. "Die mögen mich. Und wenn ich mich nun auch politisch an den nötigen Veränderungen unserer Gesellschaft beteiligen will, wo sollte ich das sonst tun, wenn nicht bei der stärksten Oppositionskraft im Landtag?"

Die hat sich tatsächlich verändert. Ihre SED-Vergangenheit, die lange an der Partei klebte wie alter Kaugummi, ist größtenteils Geschichte. Doch den allmählichen Generationswechsel begleiten anhaltende interne Flügelkämpfe: zwischen jenen Abgeordneten, die eine Ost- Volkspartei wollen, und solchen, die sich als linke Opposition verstehen. Mit gravierenden Folgen. Von 25.000 PDS-Mitgliedern im Jahr 2001 sind kaum 12.500 Linke übrig geblieben, deren Durchschnittsalter beträgt 68 Jahre. Wirtschaftskrise, soziale Umbrüche, wachsende Armut vieler bei wachsendem Reichtum weniger – die Partei konnte von diesen ureigenen Themen kaum profitieren und fiel bei der Landtagswahl im vergangenen August um drei Punkte auf 20,6 Prozent. Die Zahlen sind wie ein Notruf. Nach überfälligen programmatischen Reformen. Nach neuer Anziehungskraft über die traditionelle Klientel hinaus. Nach "Zugpferden wie Besier", wie Parteichef Rico Gebhardt es ausdrückt.

Vor allem den verfahrenen bildungspolitischen und intellektuellen Karren der Linkspartei soll der Professor vorwärtsziehen. Das Zeug dazu hat er, daran zweifelt man nicht einmal in den Regierungsparteien CDU und FDP. Denn Besier hat, was Die Linke bisher weitgehend vermissen ließ. "Er verfügt über weltweite Kontakte, er kann auf Augenhöhe mit Hochschulrektoren diskutieren und ist mittendrin im Bildungsbetrieb", sagt ein Christdemokrat, der nicht namentlich genannt werden möchte; obwohl Besier kürzlich im Landtag für seine harsche Kritik an der umstrittenen Bologna-Hochschulreform sogar Lob von Sachsens Ex-Justizminister Geert Mackenroth erntete. Ein CDU-Mann pflichtet einem Linken bei – so etwas hat Seltenheitswert in der jüngeren Parlamentsgeschichte des Freistaats.