"Der Fachmann kann derart von einer Sichtweise (vor-)eingenommen sein, dass es schwer wird, die Dinge anders zu sehen" (Robert Sternberg).
Der derzeit in Tübingen arbeitende Psychologe Merim Bilalić hat für seine Dissertation an der Universität Oxford Why good thoughts block better ones ("Warum gute Ideen bessere blockieren"; auf www.schachakademie-hockenheim.de/wip2009 als kostenfreier Download), die von der British Psychology Society ausgezeichnet und unter anderem in Psychology Today, New Scientist und Spiegel veröffentlicht wurde, den diesjährigen deutschen Schachwissenschaftspreis bekommen.
Bei Versuchen an Schachspielern unterschiedlicher Spielstärke fand Bilalić eine wesentliche, neue Erkenntnis: "Nachdem wir gelernt haben, ein Problem auf eine Weise zu lösen, sind wir blind für effizientere Lösungsmethoden. Selbst wenn wir denken, dass wir einen anderen Lösungsweg einschlagen, ist unsere Aufmerksamkeit weiterhin beim gewöhnlichen. Diesen Effekt nennen wir ›Einstellungseffekt‹."
Seinen Probanden, vom Amateur bis zum Großmeister, gab er Stellungen vor, in der sie das kürzeste Matt finden sollten. Danach bat er sie zu prüfen, ob es einen kürzeren Lösungsweg gäbe. Bis auf die ausgesprochenen Experten waren die Teilnehmer "blind" für diese bessere Lösung. Dieser schädliche Einstellungseffekt lässt sich vermutlich vom Schach auf andere Gebiete übertragen.
Hier fanden die meisten das berühmte "erstickte Matt" mit 1.De6+ Kh8 2.Sf7+ Kg8 3.Sh6++ Kh8 4.Dg8+! Txg8 5.Sf7 matt. Doch waren bis auf die Meister alle blind für das kürzere Matt. Welches?
Lösung aus Nr. 1:
Schwarz droht sowohl, den Läufer g5 zu schlagen, als auch nach Turm e8-e2 furchtbar auf g2 einzuschlagen, doch Weiß kam ihm mit einem dreizügigen Matt zuvor. Wie? Nach dem Turmopfer 1.Tg6+! gab Schwarz schon auf, weil er bei 1…fxg6 durch 2.Df7+ Kh8 3.Lf6 mattgesetzt wird