Was könnte er auf diese kalkweißen Wände malen? Nicht ein einziges Bild hängt in dem Haus, in dem Kurt Westergaard seit ein paar Tagen lebt, und wenn ein Zeichner einen Ort ohne Zeichnungen bewohnt, dann spricht das sehr dafür, dass etwas schiefgelaufen ist. Von einer bezaubernden Fee würde er sich gerne anschauen lassen, von wundersamen Vögeln, einem Einhorn. Kurt Westergaard liebt Einhörner. Aber wie soll er sie malen, wenn es hier nirgendwo eine Dose Farbe gibt, keinen Pinsel, nicht einmal eine Stift?

Rufen ihn Freunde auf dem Handy an, dann versucht er das Gespräch mit einem kleinen Scherz aufzulockern, aber der hält nicht lange vor. "Kurt, wo bist du denn?", fragen die Anrufer, und Westergaard antwortet: "Darf ich nicht sagen. Ich lebe in einem sicheren Haus." Sicheres Haus, das Wort hat er von den Geheimdienstleuten der dänischen Polizei übernommen. Vielleicht wird er einige von ihnen im Juli zu seinem 75. Geburtstag einladen. Er sagt: "Wir sind ja Freunde geworden."

Polizisten haben ihm das Leben gerettet, als ein Mann aus Somalia, der Kontakte zum Terrornetzwerk al-Qaida haben soll, am vergangenen Freitag in Westergaards Haus in der dänischen Stadt Århus eindrang. Der Fremde schlug die Terrassentür ein, rannte durch den Korridor, in dem neben den Aquarellen mit entblößten Frauenkörpern Karikaturen des Propheten Mohammed hängen, und hämmerte mit einer Axt gegen die verschlossene Stahltür des Badezimmers, wo Westergaard auf einen Alarmknopf drückte. Minuten später waren die Polizisten da. Westergaard lebt seither an einem geheim gehaltenen Ort.

Manchmal, wenn er in seinem neuen, anonymen Zuhause am großen Esstisch sitzt und den vier Leibwächtern zuhört, die ihn über "diskretes Benehmen in der Öffentlichkeit" aufklären wollen, lächelt er in sich hinein: reizende Burschen, wie brav sie da sitzen und ihn von der Tugend der Unauffälligkeit überzeugen wollen, ihn, Kurt Westergaard, einen bockigen Künstler mit roten Pullovern, roten Hosen und einem schwarzen Lederhut, einen fünffachen Vater und achtfachen Großvater, einen Mann mit einem hölzernen Gehstock und einem hinkenden Bein. Wie treu diese Männer ihn begleiten, sogar ins Fitnesscenter, wo er etwas gegen sein Problem am rechten Knie unternimmt. Wie geduldig sie ihm beibringen, dass er jetzt auf unterschiedlichen Routen zum Training fahren müsse, zu unterschiedlichen Tageszeiten, damit ihm niemand auflauern kann. Wenn das noch länger so gehen sollte mit ihm und seinen Beschützern, dann wird er wohl auch sie zu seinem Geburtstagsfest einladen. Vielleicht werden dann alle zusammenkommen, die sich um sein Leben sorgen.

Für die Zeitung Jyllands-Posten zeichnet er im September 2005 eine Karikatur, die Mohammed mit einer Bombe als Turban zeigt. Monate vergehen, bis Westergaard die Folgen spürt. Es ist der 3. Februar 2006, als Scheich Jussuf al-Kardawi in Qatar verkündet, der Tag des Zorns breche an. Von diesem Scheich, der später einmal fordern wird, das christliche Weihnachtsfest zu verbieten, hat Westergaard noch nie gehört. Er lässt sich acht Zeitzonen weiter westlich in einen Liegestuhl fallen und sonnt sich. Er hat Urlaub. Neben einem Swimmingpool döst er auf einer Veranda in Florida, wo einer seiner Söhne in einer Kleinstadt ein Haus besitzt. Drinnen im Wohnzimmer schaltet seine peruanische Schwiegertochter den Fernsehapparat ein. Maria Dolores sieht dänische Flaggen in Nigeria brennen, sie sieht das Gesicht ihres Schwiegervaters auf Transparenten in Beirut, in Pakistan wollen sie den Dänen enthaupten. Maria Dolores öffnet die Verandatür und schreit: "Kurt, fahr nicht nach Hause!" Mit einem Mal ist er ein weltberühmter, geächteter Mann. Aber weil er keine Lust hat, wegen ein paar durchgeknallter Religionsführer Umbuchungsgebühren zu zahlen, fliegt er einfach heim. Was hat er schon verbrochen, ein dänischer Atheist, den es nicht einmal kümmert, dass eine seiner Nichten einen Iraner heiratete?

Sein Land gerät ins Grübeln: Wie teuer darf die Meinungsfreiheit werden?

Kurt Westergaard wuchs in einem Dorf in Nordjütland auf, als Sohn eines Kaufmanns, umgeben von Menschen, die er "christliche Fundamentalisten" nennt. Damals, in der Sonntagsschule, sprachen sie ständig von der Hölle, während sich Kurt Westergaard den Himmel ausmalte. Er war angewidert von der Strenge des Dorfes, der geistigen Freiheitsberaubung.

 

Er will weg. Er reist durch die kommunistische Welt, nach Havanna, Tirana, Moskau, auf der Suche nach einer Ideologie. In Dänemark wird er Lehrer an einer Schule für behinderte Kinder. Er lebt in einer Kommune, die von sich behauptet, antiautoritär zu sein. Er hat viele Freunde, die politisch links stehen. Dann wird er Zeichner.

Das alles ruft er sich in Erinnerung am Tag des Zorns, es soll eine erste Antwort sein auf die Fragen der lodernden Welt. Ist er zu weit gegangen? Darüber streitet man mit einem Mal auch in seiner Heimat, als Imame zum Boykott dänischer Produkte aufrufen und das kleine Land darüber ins Grübeln gerät, ob der Kampf um die Meinungsfreiheit zu teuer werden könnte. Ist dieser Zeichner es wert? Kurt Westergaard glaubt an keinen Gott, er hat seine eigenen Gebote aufgestellt.

"Du sollst dich nicht verstecken."
"Du sollst nicht rückwärtsgehen."
"Du sollst deine Ansichten äußern."

Der Bürgermeister von Århus lädt Kurt Westergaard ins Rathaus, er hält weiterhin zu ihm, aber die Angst ist überall mit Händen zu greifen. Trifft sich Westergaard im Gewerkschaftshaus in Kopenhagen mit den anderen elf Zeichnern, die der Zeitung ebenfalls Mohammed-Karikaturen lieferten, berichten einige von ihnen über ihre schlaflosen Nächte, über Depressionen. Unter Polizeischutz stehen sie jetzt alle. Einige der Zeichner sagen, sie hätten Psychologen aufgesucht, Therapeuten. Einer der Zeichner fängt plötzlich an, wirr zu reden, wie nach einem Hirnschlag. Die anonymen Todesdrohungen häufen sich, Hunderte sind es inzwischen. Sogar Kurt Westergaards Namensvettern fordern Polizeischutz an. Das war vor drei Jahren.

Kurt Westergaard muss sich lange gedulden, bis er eine Druckerei findet, die seine Mohammed-Zeichnungen als signierte Blätter produzieren will – in Lettland. Kurt und Gitte Westergaard lassen Bewegungsmelder in ihrem Garten installieren, in ihrem Fernseher läuft pausenlos ein Überwachungsprogramm, die Fenster bekommen Sicherheitsglas. Besuchern sagt der Zeichner: "Das sieht hier aus wie ein normales Haus, aber es ist kein normales Haus mehr." Das war vor zwei Jahren.

Es ist die Zeit, als die Polizei einen aus Marokko stammenden Dänen und zwei Tunesier in Århus festnimmt, die beschuldigt werden, einen Mordanschlag auf Westergaard vorbereitet zu haben. Die Beweise reichen nicht, die Verdächtigen kommen frei. Es ist die Zeit, als ihm Polizisten von "autonomen Tätern" erzählen, vor denen sie ihn nicht schützen könnten, weil diese Leute einfach losmarschierten. Es ist die Zeit, in der Kurt und Gitte Westergaard zehn Mal binnen acht Monaten umziehen, in Sommerhäuser und Gasthöfe, die Zeit, als ein Hotelchef das Paar vor die Tür setzt, aus Sorge um den Ruf des Hauses, die Zeit, als sich Kurt Westergaard eine Wohnung in Südeuropa kauft, über die er nichts verraten darf, kein Wort über sein Exil. Es ist die Zeit, als die Polizei ihn bittet, nicht mehr in den Nahen und Mittleren Osten zu reisen, nicht mehr nach Frankreich, nicht nach England, in gar kein Land mit starken muslimischen Gemeinden, die Zeit, als ein alter Mann mit einem kaputten Knie wie Dänemarks gefährlichster Brandstifter erscheint. Wie viel Täterschaft verbirgt sich in diesem Opfer? Es sind die unkenntlichen Verdächtigungen, die ihn verletzen, die raunenden Stimmen. Die Stunde der Feigheit ist angebrochen.

 

Einmal ließ er sich von rechten Populisten feiern. Sonst bereut er nichts

Viele seiner politisch linken Freunde rücken von ihm ab. Westergaard soll sich endlich entschuldigen. Öfter hört er den Satz: "Wenn dir etwas zustößt, bist du jetzt selber schuld." Ein Journalist einer jordanischen Zeitung bietet Westergaard am Telefon den Aufmacher an – wenn er sich für die Karikatur entschuldigt. "Ich könnte Ihren Lesern erklären, warum ich mich nicht entschuldige", antwortet Westergaard. "Worin besteht denn meine Schuld? In der Freiheit der Kunst?"

Nur einmal bereut er etwas öffentlich: dass er auf einem Kongress der Dänischen Volkspartei aufgetreten ist, bei den rechten Populisten. Westergaard hält eine Rede und lässt sich feiern. Er berauscht sich an einem Gefühl, das ihm abhandengekommen ist, dem Stolz, anerkannt zu sein. "Da habe ich einen Fehler gemacht, aus Enttäuschung. Ich bin sehr enttäuscht von meiner eigenen intellektuellen Klasse", sagt er. Das war vor einem Jahr.

Dann kam der Neujahrsabend 2010, und der Mann mit der Axt.

Und was jetzt? "In meinem Alter", sagt Westergaard, "hat man keine Angst mehr. Ich mache einfach weiter." Im Arbeitszimmer seines Hauses in Århus, in dem jetzt niemand mehr wohnt, ist die Karikatur einer verschleierten Frau liegen geblieben. Unter ihrer Burka spannt sich ein praller, kugelrunder Bauch, der wie der Bauch einer Schwangeren aussieht. Keiner der Redakteure, die sich die Zeichnung anschauten, wollte sie drucken. Zu heikel. Der Bauch ist nämlich gar kein Bauch, sondern eine Bombe.

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