Wer glaubte, im Horrorkabinett von Kärnten keine Überraschungen mehr erleben zu können, der wurde von den beiden Erben des verstorbenen Volkstribunen Jörg Haider eines Besseren belehrt: Am Samstag wollen nun Uwe Scheuch und Heinz-Christian Strache die Fusion ihrer unlängst noch verfeindeten Rechtsfraktionen zelebrieren. Offizieller Anlass ist der Parteitag der Kärntner Landesorganisation der Haider-Partei BZÖ, die sich von ihrer Bundespartei abspaltet, nun "Die Freiheitlichen in Kärnten" (mit dem verwirrenden Kürzel FPK) nennt und in die "gemeinsame freiheitliche Heimat" (Strache) zurückkehrt.

Da soll sich jemand auskennen. Wer hat wen verraten, wer hat sich wem an die Brust geworfen, den er gestern noch mit Schimpf und Spott überhäufte? Das hat die bayerische CSU nicht verdient, dass ihre Partnerschaft mit der Schwesterpartei CDU als Modell für diese Posse herhalten muss. Man kann den Amigos in München vieles vorwerfen – doch gewiss nicht solch schauderhafte Unprofessionalität, wie sie die rechten Fundis in Kärnten bei ihrem Putsch an den Tag gelegt haben. Wenn man schon den Dolch zückt, so muss das Opfer anschließend auch tatsächlich tot sein. Doch die Gebrüder Uwe und Kurt Scheuch, die Drahtzieher des Coups, verfügten zwar über den Willen zur bösen Tat, nicht aber über das dazu erforderliche handwerkliche Können.

Es ist amüsant, zu beobachten, wie sich nun die Hinterbliebenen des toten Idols von den Brüdern Scheuch und deren Spießgesellen distanzieren – Mutter, Schwester, Witwe und wahrscheinlich sogar das Schaukelpferd des kleinen Jörg aus der Haider-Gedenkausstellung in Klagenfurt. Da hatte einst das große Vorbild mehr Talent bewiesen, als er 2005 mit nahezu der gesamten Nationalratsfraktion aus der FPÖ auszog und das gründete, was Ewald Stadler, mal sein Intimfeind, mal sein Intimfreund, die "Bienenzüchter Österreichs" höhnte – ebenjenes BZÖ, das sich nun wieder aufspaltet. Der Extremkatholik Stadler, der ja inzwischen seine Zuneigung zu den Bienen entdeckt hat, ist jetzt wieder einmal Opfer eines heimtückischen Verrats geworden.

Was immer da an Verschwörungen zwischen den einmal bitter verfeindeten, dann wieder einander in die Arme fallenden Gruppen und Grüppchen des sogenannten Dritten Lagers ausgeheckt worden war: Wie viel von der Tradition eines Georg Schönerer und eines Anton Reinthaller, eines Friedrich Peter und eines Jörg Haider hat sich dieses kreischende Intrigantenkarussell überhaupt noch bewahrt? Was bleibt vom Deutschnationalismus der Honoratiorenparteien von anno dazumal – vom Landbund und von der Großdeutschen Volkspartei? Was ist noch übrig von der Aufbruchsstimmung der ehemaligen Nationalsozialisten, die bei der Gründung von FPÖ und deren Vorgängerorganisation VdU die Parteigeschicke bestimmten?

Der Mobilisierungsschub war an sein logisches Ende geraten

Der langjährige FPÖ-Chef Friedrich Peter hatte versucht, seiner Partei, die wegen der NS-Vergangenheit vieler Funktionäre nicht salonfähig war, Akzeptanz in der österreichischen Politik zu verschaffen. Die FPÖ gab sich einen liberalen Anschein. Bruno Kreisky belohnte sie dafür, und 1983, nach dem Verlust der absoluten roten Mehrheit, durfte sie sogar zum Regierungspartner der Sozialdemokratie avancieren. Wählermassen konnte diese FPÖ allerdings nicht anlocken, schon gar nicht als rechtsliberal gefärbte Honoratiorenpartei. Das gelang erst Jörg Haider nach seinem Innsbrucker Parteitagsputsch von 1986. Er verstand es, den harten Kern des deutschnationalen Lagers wieder mit der Partei zu versöhnen und zugleich eine neue Klientel anzusprechen: die jungen Modernisierungsverlierer. Diese scherten sich nicht um das Vermächtnis von Turnvater Jahn, und auch der angeblich deutsche Volkscharakter Österreichs war ihnen herzlich gleichgültig. Gewonnen wurden sie mit einem eigentümlichen Mix aus postmodernem Disco-Stil und althergebrachten Propagandawerkzeugen, die es gestatten, Feindbilder zu konstruieren. Sowohl gegen "die da oben" mobilisierte die FPÖ erfolgreich als auch gegen "die von draußen". Vor dem Hintergrund von Abstiegs- und Zukunftsängsten wurden Altparteien und Ausländer an den Pranger gestellt.

Doch bereits mit dem schwarz-blauen Pakt von 2000 offenbarte sich jenes Problem, vor dem Strache heute noch steht. Es ist unmöglich, den Furor einer Protestbewegung mit den letztlich pragmatischen Prinzipien einer Regierungsbeteiligung zu vereinbaren. Der Außenseiter war zum Insider geworden und gab sich plötzlich selbst als Altpartei zu erkennen, die nach Ämtern und Pfründen für ihre Gefolgsleute gierte. Der populistische Mobilisierungsschub war dadurch an sein logisches Ende gelangt. Der dramatische Absturz bei den Wahlen 2002 war eine Folge davon.

Liberale, die sich auf Haider berufen wollen – das ist absurd

Dieses Schicksal muss Strache heute wohl vor Augen haben. Deshalb gab er stets auch einem fundamentalistischen Oppositionskurs Vorrang gegenüber der Perspektive einer Regierungsbeteiligung. Dadurch provozierte er aber vor fünf Jahren die Abspaltung des BZÖ. Jörg Haider war nämlich bereit, eine gewisse Wählerreduktion als unvermeidlichen Preis der Regierungsverantwortung in Kauf zu nehmen.

Die Strache-FPÖ wurde hingegen belohnt. Kaum zurückgekehrt zur Radauopposition, begann sie sofort wieder zu wachsen. Darin liegt aber kein Ziel an sich. Irgendwie, irgendwann wird die Versuchung übermächtig, es doch mit dem Regieren zu versuchen. Da jedoch die FPÖ allein wohl nicht wird regieren können, muss sie sich den Beschränkungen einer Koalition unterwerfen. Kann man sich einen Vizekanzler Strache vorstellen, der Nacht für Nacht durch die Discos tingelt?

Für das BZÖ, das den Scheuch-Putsch offenbar vorerst überleben wird, ist die Perspektive dennoch alles andere als berauschend. Ein rechtsliberaler Kurs, der sich auf das Erbe Haiders beruft? Eine österreichische FDP, die sich den wirtschaftsliberalen Kurs der Deutschen zum Vorbild nimmt, ganz bestimmt aber nicht deren Kulturliberalismus? Eine liberale Partei, die sich in Sachen Ausländerpolitik von der FPÖ ebenso höchstens durch verbale Nuancen unterscheidet wie in ihrer Haltung gegenüber den Rechten der slowenischen Volksgruppe? Ein Liberalismus, dessen Bannerträger Peter Westenthaler und Ewald Stadler heißen?