Allerdings: Man ist ethisch nur zu etwas verpflichtet, was sich auch erreichen lässt. Kann also die Mission überhaupt Erfolg haben?

Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt?

"Afghanistan, das Grab der Imperien" – dieses Klischee wird immer öfter bemüht, um die Aussichtslosigkeit des Einsatzes zu unterstreichen. Briten und Sowjets sind schon am Hindukusch gescheitert. Nun, so die scheinbar zwangsläufige Schlussfolgerung, schlittern Amerika und seine Verbündeten in ein "zweites Vietnam".

Diese Analogie ist unsinnig und verlogen. Erstens schreibt die Geschichte keine Diktate für die Zukunft. Zweitens kamen Briten und Sowjets als Eroberer und Besatzer nach Afghanistan. Drittens vertuscht das Klischee vom "Grab der Imperien" die Fehler der internationalen Gemeinschaft beim Wiederaufbau. Stattdessen werden die Afghanen zum hoffnungslosen Fall der Weltgeschichte erklärt, zu rückständigen Stammeskriegern, die sich weder besiegen noch modernisieren lassen.

Ende 2001, unmittelbar nach dem Sturz der Taliban, verlief die Afghanistan-Debatte ähnlich weltfremd – nur extrem euphorisch. Damals verhießen so manche Experten dem kriegszerstörten Land einen stabilen Zentralstaat samt expandierender legaler Wirtschaft innerhalb von sieben Jahren – Befreiung der Frauen inklusive.

Positive wie negative Utopien sagen mehr über die Realitätsferne westlicher Denkfabriken und Medien aus als über Afghanistan.

Wird nicht alles schlimmer?

Mit militärischen Mitteln allein ist der Konflikt in Afghanistan nicht zu lösen. Das sagen nicht nur afghanische und internationale Aufbauhelfer, das predigen längst auch die Nato-Generäle vor Ort. Doch je eindringlicher diese Mahnung wiederholt wird, desto größer wird die öffentliche Obsession mit dem Militärischen, desto naheliegender scheint die These vom "zweiten Vietnam". Im Afghanistan der westlichen Medien, auch der deutschen, explodieren Sprengsätze, blühen Opiumfelder, brennen Mädchenschulen, sterben Soldaten, verwandelt sich das ganze Land in ein Schlachtfeld.

Im Afghanistan abseits der Kameras haben inzwischen 20 von 34 Provinzen den Mohnanbau eingestellt. 2007 waren es nur 13. China will in den nächsten 25 Jahren bei Kabul riesige Kupfervorkommen abbauen und dafür mehrere Milliarden Dollar in die Infrastruktur investieren. Tausende Helfer haben im vergangenen September über eine Million Kinder gegen Polio geimpft. Im realen Afghanistan sehen heute 70 Prozent der Bevölkerung ihr Land auf dem richtigen Weg. Vor einem Jahr waren es nur 40 Prozent. Zwei Drittel wollen, dass die Nato-Truppen bleiben.

Das alles besagt nicht, dass die Lage "gar nicht so schlimm" ist. Sie ist in Anbetracht dessen, was beim Wiederaufbau versäumt wurde, sogar skandalös. Diese Nachrichten zeigen jedoch ein extrem heterogenes Land, in dem am selben Tag Krieg geführt und ein Umspannwerk eröffnet wird, Sprengsätze gezündet und Straßen geteert werden. In dem zur selben Stunde in der einen Provinz Kriegsherren Zwangssteuern eintreiben, einige Kilometer weiter Taliban Gerichtsverhandlungen abhalten, während in der Nachbarprovinz afghanische Menschenrechtlerinnen gegen Zwangsheiraten vorgehen.