Ihre Tasche ist schwer, sie war wieder einmal einkaufen für ihre Schüler. Bücher und Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiele zerren an ihren Schultern. Aber es muss sein, "man kann mit Würfelspielen einfach gut Rechnen lernen", sagt Helga Bauereisen, während sie durch den kalten Nürnberger Nachmittag zur Holzgartenschule eilt. Ihre Schüler, das sind die Eltern der Kinder, die in die Grundschule im Nürnberger Süden gehen, in einem dieser Viertel, zu denen man gern "ehemaliges" Arbeiterviertel sagt, in dem heute vor allem Migranten leben. Knapp fünfhundert Schüler besuchen die Schule, 70 Prozent von ihnen sind Einwandererkinder, sie kommen aus der Türkei, aus Italien, aus dem Irak. Lehrer mit Migrationshintergrund gibt es keine, aber Elternbriefe werden auf Deutsch, Italienisch und Türkisch verfasst. In der vierten Klasse gibt es für die Schüler eine spezielle Sprachförderung, damit die Chancen für den Wechsel aufs Gymnasium steigen.

Hier gibt Helga Bauereisen Elternintegrationskurse, so nennt das Bundesamt für Migration Sprachkurse für zugewanderte Mütter und Väter. 900 Stunden Deutsch, dazu 45 Stunden Orientierungskurs, Schwerpunkt Schule, Ausbildung, Berufswahl. Die Eltern sollen verstehen, wie Bildung in Deutschland funktioniert. Wenn möglich, wird an der Schule der Kinder unterrichtet, Betreuung inklusive. Die Schulleistungen vieler Einwandererkinder sind in den vergangenen Jahren zwar besser geworden, aber noch immer viel zu schlecht, vor allem die der türkischen, nur 14 Prozent von ihnen machen Abitur, ein Drittel verlässt die Schule ohne Abschluss. Das Bundesinnenministerium hat im vergangenen Jahr eine "Motivationskampagne" gestartet. "Deutsch lernen – Deutschland kennen lernen", heißt sie. "Wir müssen die Eltern motivieren, damit diese ihre Kinder motivieren", hatte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, zum Start gesagt.

Raum 015 in der Holzgartenschule. Vormittags wird hier Religion unterrichtet, nachmittags hat Helga Bauereisen das Sagen. Neun ihrer elf Schüler sind gekommen, unter ihnen ist nur ein Vater. Die erste halbe Stunde sind die Kinder noch mit dabei. Sie spielen zusammen Mensch ärgere Dich nicht. Manche Mütter konnten ihren Kindern bei den Mathe-Hausaufgaben nicht helfen, deshalb will Helga Bauereisen auch ein bisschen rechnen üben. "6 + 4 = 10" schreibt sie an die Tafel, "Du würfelst, wir würfeln", sie spricht vor, wippt dabei mit dem ganzen Körper, im Chor sprechen die Frauen nach. Dann sagt sie zu den Kindern: "So, wir machen jetzt Sprachkurs und ihr Hausaufgaben." Die Kinder trollen sich mit zwei Studentinnen der Erziehungswissenschaft in einen Nachbarraum. Es geht weiter mit Lektion 12.1. "Was machen Sie nach der Arbeit? Wer räumt nach dem Abendessen auf, wann darf ihr Sohn Fußball spielen?"

Helga Bauereisen hatte in Bonn auf Lehramt studiert, Grund und Hauptschullehrerin wollte sie werden. Bevor sie unterrichten konnte, kam die Liebe dazwischen, und sie zog mit ihrem Mann nach Bayern, sie blieb zu Hause und kümmerte sich um die Kinder. Im Jahr 2000 las sie einen Artikel über die Schwierigkeiten der Einwandererkinder in der Schule und darüber, dass Lehrkräfte gesucht werden, die den Eltern von Einwandererkindern Deutsch beibringen sollten. Sie sagte sich, du hast vier Kinder durchs Schulsystem geschleust, das ist was für dich. Seitdem bringt die 57-Jährige Einwanderern Deutsch bei, hat Kurskonzepte mit entwickelt, und seit Februar gibt sie Elternkurse, die das Pädagogische Institut der Stadt Nürnberg im Rahmen der bundesweiten Integrationskurse anbietet.

Die vorgesehenen Lehrbücher seien für viele zu schwierig, sagt Bauereisen. Nicht wenige der Frauen hier haben nur die Grundschule besucht. "Sie sind motiviert, wollen lernen, aber sie wissen oft nicht, wie." Da ist zum Beispiel Sibel (Name geändert), 27 Jahre alt. Ihr Deutsch stockt, sobald sie nicht auf auswendig gelernte Sätze zurückgreifen kann. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, der Sohn geht in den Kindergarten, die Tochter an der Holzgartenschule in die zweite Klasse. Sibel kam vor acht Jahren nach Deutschland. In ihrem Dorf im Osten der Türkei hat sie vier Jahre lang die Grundschule besucht. Dann half sie im Haushalt. Vor drei Tagen war sie mit ihrem Kurs beim Berufsinformationszentrum, wo sie in ein Formular "Bäckereiverkäuferin" als Berufswunsch geschrieben hat.

Warum hat sie erst so spät angefangen, Deutsch zu lernen? "Keine Zeit", sagt Sibel, der Haushalt, die Kinder, und dass sie nicht gewusst habe, wo sie hingehen soll. Dass es den Elternintegrationskurs an der Schule gibt, hat sie von ihrer Tochter erfahren. Viele, die es nötig hätten, werden nicht erreicht, erzählt Bauereisen. Für den Kurs haben sie 180 Flyer verteilt und gerade eine Rückmeldung bekommen.

Im Kurs von Helga, wie die Mütter sie nennen, gibt es aber auch Frauen mit guter Schulbildung. Zum Beispiel die Frau aus Sri Lanka. Sie sitzt neben Sibel. Sie ging zwölf Jahre lang zur Schule, ist ausgebildete Erzieherin und würde auch hier gerne als Erzieherin arbeiten, weiß aber nicht, ob ihr Abschluss anerkannt wird. Sie arbeitet in einem Hotel als Zimmermädchen. Ihr ältester Sohn geht aufs Gymnasium in die elfte Klasse, er will einmal Architekt werden, sie möchte, dass er Arzt wird. Ihr jüngster Sohn geht in die dritte Klasse, er ist Klassensprecher. Seine Mutter ist stolz.