Beim Arzt-Patienten-Diskurs stimmt das kulturelle Klischee: In Deutschland sind Chirurgen grobschlächtig und direktiv ("Sie sind zu fett"), während sie in der Schweiz auf den Konsens zielen ("Wir könnten Ihnen bei der Gewichtsoptimierung behilflich sein"). Auch unter Kollegen ist der Umgangston in Deutschland rau, ein ernst gemeintes "Arschloch!" im Arztzimmer ist keine Seltenheit. Die deutsche Medizin wurde im 19. Jahrhundert durch die Preußische Militärarztschule, die Pépinière, geprägt. Ärzte wurden nach militärischen Grundsätzen ausgebildet; absoluter Gehorsam wurde belobigt und positiv sanktioniert. Die Tradition hat sich erhalten, mit dem Unterschied, dass der Masochismus sich heute nicht mehr lohnt: Die Gerontokratie der alten BRD, personifiziert durch Professor Brinkmann aus der "Schwarzwaldklinik", ist jenem Haufen grau bekittelter Schilderschwinger gewichen, deren Bilder vor wenigen Jahren durch die Weltpresse gingen, als sie für die Erhöhung ihrer Putzfrauengehälter streikten. Die deutsche Ärzteschaft, vormals ein Symbol für Saturiertheit und Wirtschaftskraft, scheint zum akademischen Neoproletariat gewandelt.

Daher streben deutsche Mediziner in die Schweiz: Die Saläre sind zwar nicht so hoch wie die Berge, beim Exerzieren jedoch wähnt der kasernenhoftongestählte Rekrut sich im Wollwaschprogramm. Manche Medizinmigranten sind anfangs noch erstaunt, dass nicht nur Deutsche Gutes vom Schweizer Gesundheitssystem behaupten – im Hinblick auf die Krankenkassenbeiträge etwa plädiert FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler für das Kopfpauschalenmodell. Auch die Eidgenossen schielen über die Grenze! Wäre nicht die Kopplung der Kassenprämie an den Lohn, wie in Düütschland praktiziert, sozialverträglicher? Wären so schlecht gestellte Familien entlastet und Subventionsmilliarden für Wenigverdiener gespart?

Vielfach entpuppt sich, was Politiker "Innovation" nennen, als transkultureller Austausch abgestandener Ideen. Die Grundprobleme sind identisch. Auch in der Schweiz ringt man seit Jahren um eine Vision, ineffiziente Patientenversorgung, technische Innovation, Demografie-Katastrophen und Lobbyismus zu bändigen. Diese Faktoren haben seit 1950 zur Explosion des Gesundheitskostenanteils am BIP von 3,5 auf knapp 11 Prozent geführt. Deutschland (10,5 Prozent) liegt nahezu gleichauf und deutlich über dem Schnitt anderer OECD-Staaten wie Dänemark, Finnland und Japan.

In beiden Ländern agiert der Arzt eher zum Wohl seines Portemonnaies

Dass die Ressourcen beider Länder paradiesisch sind, weiß jeder Arzt, der hüben wie drüben Patienten mit juckenden Zehen schon Hightech-Immunglobuline zum Preis eines Kleinwagens verordnet hat. Sonntags besucht derselbe Arzt dann vielleicht seine Großmutter in einem abgewrackten süddeutschen Pflegeheim. Die Großmutter schreit, da der Hausarzt erst im nächsten Quartal wieder ihr Schmerzmittel verordnen kann: zu teuer! Aufgrund der Schmerzen atmet die Großmutter nur noch flach und bekommt eine Lungenentzündung. Der Hausarzt nimmt eine Blutprobe und veranlasst ein Röntgenbild. Großmutter geht es immer schlechter; sie wird in eine Klinik gefahren, und dort wird nochmals Blut entnommen und das gleiche Röntgenbild gemacht; vielleicht äußert irgendjemand leise Zweifel an der Diagnose, sodass zur Sicherheit auch noch eine Computertomografie … und so fort.

Abstimmungsmängel zwischen Haus- und Facharzt, zwischen Praxis und Klinik – sogenannte "Schnittstellenbrüche" – führen zu Überdiagnostik und Doppeluntersuchungen. Die Gesundheitssysteme kranken an einem Verteilungsproblem.

In Deutschland wurde pauschaliert, budgetiert und gedeckelt. Teils hat dies zu einem regionalen Ärztemangel geführt: So überversorgt manch städtische Regionen in Deutschland sind, so sehr wirbt man im ländlichen Ostdeutschland um Tschechen und Polen – Verhältnisse wie dazumal bei der Straßenreinigung. In der Schweiz können dagegen im ambulanten Sektor ärztliche Leistungen ohne Budgetobergrenze verrechnet werden. So verspürt der chronisch klamme deutsche Hausarzt den Reiz, Kind und Kegel zu packen und ins Käseland zu ziehen. Nur ist die Schweizer Variante – genau wie der "deutsche Deckel" – fürs Gesamtsystem alles andere als effizient: Solange der niedergelassene Arzt kein Fixeinkommen hat, besteht die Gefahr, dass er nicht zum Wohl des Patienten, sondern in erster Linie zum Wohl seines Portemonnaies agiert.