DIE ZEIT: Herr Hürlimann, warum schreiben Sie ein Leben lang über Ihre Familie?

Thomas Hürlimann: Im Prosabereich habe ich schon viele Anläufe genommen, um mal etwas anderes zu schreiben. Aber ich bin immer gescheitert. Bei meinen Theaterstücken ist das weniger der Fall. Das Theater ist die öffentliche Anstalt, die hat andere Themen. Ich musste einsehen: Am besten schreibe ich mit dem Stoff, von dem ich auch träume, mit meinem Seelenmaterial.

ZEIT: Sie träumen immer noch von Ihrer Familie?

Hürlimann: Kürzlich bin ich nachts im Traum in mein Elternhaus in Zug gegangen. Es war völlig leer, da stand nur noch ein Bett. Ich habe mich in diesem Haus verirrt, wusste aber, dass das der Ort ist, wo ich mich am besten auskennen sollte. Trotzdem war es ein Labyrinth. Das Rätsel war: Wer liegt in diesem Bett?

ZEIT: War es Ihr Bett?

Hürlimann: In einem Labyrinth ist das schwer zu entscheiden. Ich habe mal lange mit Martin Walser über den Anlass unseres Schreibens geredet. Ich glaube, man sucht als Schriftsteller instinktiv den Stoff, der für einen am fruchtbarsten ist. Das kann natürlich zu großen Schwierigkeiten führen. Das Schreiben darf einem aber nicht zu leicht fallen.

ZEIT: Schreiben Sie über Ihre Familie, um sie sich vom Leib zu halten?

Hürlimann: Das Gegenteil ist wahr, ich verleibe mir meine Familie immer wieder von Neuem ein. Aber ans Muschge Konzept des Schreibens als Therapie glaube ich keine Sekunde. Ich reiße ständig alte Wunden auf – das Blut und der Eiter, die dann fließen, sind das beste Material. Für den eigenen Psychohaushalt aber ist das ungesund.

ZEIT: Warum tun Sie es trotzdem?

Hürlimann: Aus einem Schreibzwang heraus. Ich ordne dem alles unter, mein ganzes Leben. Ich bin da wie ein Mondsüchtiger.

ZEIT: Haben Sie Ihren Vater, den späteren CVP-Bundesrat Hans Hürlimann, besiegt, indem Sie über ihn geschrieben haben?

Hürlimann: Vielleicht in meinen pubertären Zeiten. Seine große Liebe war das Militär. Er hat nie begriffen, dass ich einfacher Soldat blieb. Das war unser erster Kampf. Ich war Rekrut in Bellinzona, Gebirgsinfanterie, eine absolute Fehlbesetzung natürlich. Der Vater war mein Regimentskommandant. Er kam in die Rekrutenschule, und wir mussten alle antreten. Jeder musste sich beim Vater anmelden. Als er zu mir kam, sagte ich: "Mich solltest du kennen." Da brüllte er: "Rekrut, melden Sie sich anständig an!" Die anderen fanden das großartig, weil er auch bei seinem eigenen Sohn keinen Unterschied macht. Ich aber schwor Rache.

ZEIT: Und?

Hürlimann: Auf zwei Arten. Ich wusste aus der Klosterschule, wie man Haare schneidet. Also machte ich das auch in der Rekrutenschule. Alle dachten, ich sei im normalen Leben Frisör. Und als getarnter Frisör war es mir ein Leichtes, die Theoriestunden zu unterlaufen. Ich fand damals, man müsse in der Schweizer Armee die Guerillatechnik des Vietcong übernehmen. Das aber konnte ich als Sohn des Kommandanten nicht gut selbst fordern, also habe ich den Hugo Kürzi, einen Innerschweizer Schwinger, mit Argumenten gefüttert, marching fire, ein Schritt, ein Schuss und so Zeugs. Der stand dann jeweils auf und sagte: "Wir müssen mal über den Vietcong diskutieren." Der Feldweibel wusste nicht mehr ein und aus. Aber sie kamen dahinter. Der Schulkommandant rief dann meinen Vater an. Er kam und sagte: "Ich habe es auf dem Herzen. Das war das schlimmste Telefonat meines Lebens. Du infiltrierst die Leute mit kommunistischem Gedankengut. Aber das ist nicht das Schlimmste." – "Was denn?" – "Ich kann es nicht sagen." – "Sag schon!" – "Dass du dich für diese Infiltrationen als Frisör ausgibst!" Mein Vater dachte, er habe eine Untergrundfigur gezeugt. Später aber hat er darüber gelacht. Immerhin.