Alle paar Minuten löst er sich aus der Masse der Gegner und läuft hinüber zu seinem Computerterminal am Rand des Börsensaals. Sechs kleine Fenster haben sich auf dem Bildschirm geöffnet. Sechs Nachrichten von Kunden. Sechs Aufträge, Anfragen, Bitten um Information.

Hinter jedem der kleinen Fenster verbirgt sich irgendwo auf der Welt ein Investmentbanker, Hedgefonds-Manager, Finanzinvestor. Die einen in London, in Zürich oder Hongkong, die anderen gleich nebenan in New York. Und alle wollen sie Öl kaufen. Denn alle haben sie viel Geld anzulegen. Neues Geld, das vom Himmel fiel, als die Zentralbanken es den Privatbanken liehen. Altes Geld, das die Krise überlebt hat und bisher auf irgendeinem Konto lag. Dort vermehrt es sich nicht mehr, seit die Zentralbanken ihre Milliarden fast gratis verleihen und die Zinsen überall sinken. Also fließt es zu Leuten, die höhere Renditen versprechen. Zu Leuten wie Raymond Carbone.

In den vergangenen zehn Monaten sind seine Umsätze um 70 Prozent gestiegen. Genau wie die der meisten anderen Börsenhändler. Es ist ein erstaunlicher Boxkampf, der da täglich an der Warenterminbörse Nymex stattfindet. Einer, in dem es kaum Verlierer gibt.

Auf den Bildschirmen der Börsenhändler flimmern Zahlen, man sieht gezackte Linien, die nach oben oder unten führen, je nachdem ob die Preise von Öl, Gold, Blei oder Aluminium steigen oder fallen. Im Moment steigen sie alle.

Kein wichtiger Rohstoff ist so stark im Wert gestiegen wie Kupfer

Die Banken und Investmentfonds dieser Welt kaufen seit Monaten Öl, obwohl sie kein Benzin produzieren. Aber der Ölpreis ist heute fast doppelt so hoch wie vor einem Jahr. Sie kaufen Gold, obwohl sie keinen Schmuck herstellen. Aber der Goldpreis ist um 30 Prozent gestiegen. Sie kaufen sogar Zucker und gefrorenes Orangensaftkonzentrat, obwohl sie keine Limonade machen. Aber der Zuckerpreis ist um 130 Prozent gestiegen und der Preis für Orangensaftkonzentrat um 80 Prozent.

Die Banken und Investmentfonds kaufen einen Rohstoff, weil sie glauben, dass sein Preis weiter steigt und sie ihn in ein paar Monaten mit Gewinn verkaufen können. Genauso wie sie brasilianische und chinesische Immobilien kaufen und indonesische und russische Aktien. Sie kaufen all das, weil sie Geld übrig haben. Viel Geld.

1,5 Billionen Euro hatten die Zentralbanken erschaffen, in Amerika, Europa, Japan. Doch kaum ein Unternehmen hat dadurch einen neuen Bankkredit erhalten, kaum eine Firma konnte deswegen neue Arbeitsplätze schaffen, kaum ein Betrieb schaffte es, deshalb wichtige Aufträge zu erlangen. Im Gegenteil. Die Banken haben in den vergangenen Monaten weniger Kredite vergeben. Manche Finanzhäuser haben das billig geliehene Geld in Wertpapieren angelegt. Andere scheuten selbst dieses Risiko und ließen es auf ihren Konten bei der Zentralbank liegen.

So kommt es, dass sich das neue Geld nicht in neue Produkte verwandelte, wie EZB-Direktor Lorenzo Bini Smaghi hoffte. Sondern in höhere Preise.

Das Geld der Zentralbanken hat dazu geführt, dass Rohstoffe, Aktien und Immobilien teurer wurden. Es ist jenen zugutegekommen, denen die Aktien und die Häuser gehören. Es hat die Gewinne derer erhöht, die das Öl produzieren. Das Gold. Den Zucker. Den Orangensaft.

Und das Kupfer.

Kein anderer wichtiger Rohstoff hat sich in den vergangenen zehn Monaten so sehr verteuert wie Kupfer. Um fast 150 Prozent ist der Preis gestiegen. Und mit ihm wuchsen die Gewinne der Bergbauunternehmen.

Jeden Tag um Punkt halb fünf fliegt alles in die Luft. Quarzquader, Erzbrocken, Schiefersplitter, jahrtausendelang unter Sand und Stein verborgen, werden ans Tageslicht geschleudert, rollen krachend den Felshang hinunter, wirbeln roten Staub auf. Nachmittags ist Sprengzeit in der Kansanshi-Mine in Nordwest-Sambia. Ein Schatz will geborgen werden.

Mit der Stille nach dem Knall kommen die Bagger. Am Grund eines 160 Meter tiefen, zwei Kilometer breiten Kraters wühlen sie sich durch das Geröll. Jede Sprengung gibt ihnen neues Futter, legt ein weiteres Stück jenes Erzes frei, das sich in diesem Teil Afrikas als grünes und weißes Aderngeflecht nahe der Erdoberfläche durch den Kalkstein zieht: Kupfer.

Kein Computer, kein Handy, kein Kühlschrank funktioniert ohne dieses Metall. Durch kaum einen anderen Stoff fließt Strom so leicht und schnell hindurch.

Einer der Männer, die es aus der Erde holen, ist Prosper Nkausu.

Er ist ein hochgewachsener, schmaler Mann von 39 Jahren, Vater von sechs Kindern. Sie zu ernähren ist nicht einfach in einem Land wie Sambia, in dem acht von zehn Menschen mit umgerechnet weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen.

Vor sechs Jahren machte er sich auf den Weg in den Westen des sogenannten Kupfergürtels, in eine damals verschlafene Kleinstadt an der Grenze zum Kongo, in der heute 500.000 Menschen leben. "Geh nach Solwezi", hatte ihm jemand gesagt, "da bauen sie eine neue Mine."

Prosper Nkausu hat Glück gehabt, einerseits. Seine Familie lebt in einem kleinen Haus mit Wellblechdach, nicht in einer Lehmhütte. Das Wasser kommt aus der Leitung, nicht aus einem modrigen Brunnen, und die Kinder gehen in eine ordentliche Schule. Aber es ist ein altes Glück. Eines, das sich nicht vergrößert hat in den vergangenen Monaten, als der Kupferpreis immer stärker stieg und die Mine so viel Geld einnahm wie noch nie.

Geschützt von Helm, Overall und Gummistiefeln, beugt sich Prosper Nkausu noch immer in Zwölfstundenschichten über ein riesiges Becken mit Schwefelsäure, in dem winzige Kupferpartikel schwimmen. Die Partikel lagern sich in dicken Schichten an Metallplatten ab, und Nkausu schneidet sie herunter. Noch immer atmet er den Dunst der Säure. Noch immer bringt er seiner achtköpfigen Familie umgerechnet 14 Euro am Tag nach Hause. Noch immer züchtet er nebenbei Hühner und baut Bohnen im Garten an, um seinen Lohn aufzubessern.

Wo also ist der neue Reichtum der Mine geblieben? Wo sind die 150 Prozent?

Wenn Prosper Nkausu morgens in einem Sammeltaxi über Schotterpisten zur Mine fährt, kann er ihn manchmal sehen, den Reichtum. Er braust in Form von modernen Geländewagen an ihm vorbei. Meist sind es Amerikaner, Briten oder Kanadier, die am Steuer sitzen. Mal wollen sie zur Mine, mal sind sie auf dem Weg zum Golfklub oder auch nur nach Hause, in eine der Villen, die ein langer Zaun von der übrigen Stadt trennt. Sie sind Ingenieure und Manager des kanadischen Bergbauunternehmens First Quantum Minerals, des Eigentümers der Kansanshi-Mine.

First Quantum ist ein junges, noch nicht sehr großes Unternehmen, aber es wächst schnell in diesen Monaten. Wenn man ein Unternehmen sucht, dem das Geld der Zentralbanken zu guten Geschäften verholfen hat, so ist dies eines davon. Von Januar bis September 2009 hat sich der Aktienkurs der Firma mehr als verfünffacht. First Quantum verzeichnete einen Gewinn von umgerechnet 164 Millionen Euro.