Carbones restliche Millionen liegen auf Konten, verwandeln sich in Aktien, Anleihen oder sonstige Wertpapiere und Spekulationsobjekte, sie pusten die Blasen an den Börsen weiter auf. Für dieses Geld gilt das, was Wirtschaftswissenschaftler mit einem etwas blutleeren, aber treffenden Wort beschreiben: Es wird nicht konsumwirksam.

Nun ist es aber so, dass der Kapitalismus nichts so sehr braucht wie den Konsum. Irgendjemand muss all die Autos, Kühlschränke, Flachbildschirme, Fotoapparate und Plastikpuppen, die jeden Tag auf der Welt produziert werden, kaufen. Nur wer?

Den Durchschnittsbürgern fehlt das Geld. Das Einkommen des Stahlarbeiters aus dem amerikanischen Bundesstaat Ohio, des Lehrers aus der japanischen Millionenstadt Osaka, der Verkäuferin aus Ludwigshafen am Rhein steigt seit Jahren kaum noch. Ein Trend, der nach Angaben der Industrieländerorganisation OECD für fast alle hoch entwickelten Volkswirtschaften gilt. Auch das ist ein Grund, weshalb die MTK-Gießerei im unterfränkischen Kitzingen keinen Kredit mehr bekam. Die Autokonzerne werden ihre Autos nicht mehr los.

In Amerika schien man das Problem elegant gelöst zu haben, indem man nicht nur Schlossern und Lehrern, sondern auch noch Putzfrauen und Erntehelfern hohe Kredite gab. Weil sie nicht genug Geld verdienten, liehen sie sich welches, um sich Autos und Häuser zu kaufen. Bis klar wurde, dass sie ihre Kredite nie würden zurückzahlen können. Bis die Blase platzte und die große Krise begann.

Der Kapitalismus braucht nichts so sehr wie den Konsum

Seitdem ist da plötzlich überall auf der Welt jemand, der viel Geld ausgeben muss, um Autos zu finanzieren, Bauunternehmen zu Aufträgen zu verhelfen, den Mittelstand zu unterstützen, kurz: den Konsum und damit den Kapitalismus zu stärken. Es ist der Staat.

Die Konjunkturprogramme der amerikanischen, der deutschen, der englischen, der japanischen Regierung haben Unternehmen saniert, Jobs gerettet und wahrscheinlich die Weltwirtschaft vor dem Zusammenbruch bewahrt. Aber sie haben auch dazu geführt, dass dem Staat nun an anderer Stelle das Geld fehlt.

Neben der weltweiten Kluft zwischen Oben und Unten hat sich ein weiterer Spalt aufgetan: zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut.

Es gibt in Deutschland viele Orte, an denen man die Vorzeichen dieser neuen Armut besichtigen kann. Die Schwimmbäder der Stadt Bochum zum Beispiel, in denen das Wasser jetzt ein Grad kühler ist als früher. Oder eine Berufsschule in Kiel, wo der Hausmeister die Fenster zugenagelt hat, damit sie nicht aus dem Rahmen fallen. Oder das Theater in Wuppertal, in dem demnächst die Türen zugenagelt werden, weil die Stadt es wohl schließen muss.

Nichts davon wäre anders, hätten die Zentralbanken darauf verzichtet, den Privatbanken billiges Geld zu leihen. Im Gegenteil, viele Finanzhäuser wären zusammengebrochen und hätten Konzerne und Kleinbetriebe mit sich gerissen. Und doch hat es etwas Ernüchterndes, zu sehen, dass der Großteil des Zentralbankgeldes in den Händen der Banker und Finanzmanager verblieben ist. Dass es sich kaum in neue Produkte, Löhne, Arbeitsplätze und Steuergelder verwandelt hat.

Am bedrückendsten ist wohl eine nackte Zahl. Grellrot leuchtet sie vom Eingang des Hauses Französische Straße Nr. 9 in Berlin herunter, wo der Bund der Steuerzahler seinen Sitz hat. Die Zahl beträgt 1,6594 Billionen, ungefähr jedenfalls. Genau kann man es nicht sagen, weil sie ständig steigt. Von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat.

1,6594 Billionen Euro, das sind die Schulden der Bundesrepublik Deutschland Anfang des Jahres 2010. 1,6594 Billionen Euro, das bedeutet: viel Arbeit für Carl-Heinz Daube.

Daube, groß, hager, knapp 50 Jahre alt, hat einen ähnlichen Beruf wie jener Herr S., der für eine große deutsche Bank arbeitet und ganz am Anfang dieser Geschichte stand. Auch Daube ist ein Geldbeschaffer. Nur dass es der deutsche Staat ist, für den er die Milliarden auftreiben soll.

Die Firma, die Daube leitet, heißt Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur. Sie hat 330 Mitarbeiter. Sie gehört dem deutschen Staat und hat nur eine Aufgabe: im Auftrag Deutschlands Kredit aufzunehmen.

An den Wänden hängen Schatzbriefe aus Zeiten, in denen man noch in Tausenden rechnete. Eine "Schuldverschreibung der Stadt Duisburg über Eintausend Mark" ist dabei. Sie stammt aus dem Jahr 1921.

Auch die Verschuldung pro Kopf stieg von 1950-2008 steil an

Heute geht es um Milliarden. Das Prinzip aber ist dasselbe geblieben. Der deutsche Staat besorgt sich Geld, indem er eine sogenannte Staatsanleihe verkauft, ein Papier, auf dem steht, wann er das Geld zurückerstattet und wie viele Zinsen er dafür zahlt. Wenn viele Banken, viele Investoren diese Papiere haben wollen, hat Carl-Heinz Daube gute Arbeit geleistet.

So wie am 11. November 2009. Da stehen die wichtigsten Mitarbeiter der Finanzagentur im Handelsraum und schauen auf die Computerschirme. Der Bund legt neue Papiere auf, er braucht mal wieder Geld. Sechs Milliarden Euro will sich der Staat allein an diesem Tag leihen.

Man kann in diesem Moment nicht beobachten, wer all die Staatsschulden bezahlen muss, in zehn Jahren, wenn die Papiere fällig werden. Die Alten? Die Jungen? Die Armen? Die Reichen? Niemand weiß das. Aber man kann an diesem 11. November beobachten, wer an den Schulden verdienen wird. Es sind die Käufer der Anleihen.

Die Banken verdienen gut an den Schulden der Bundesrepublik

Ihre Namen erscheinen auf den Bildschirmen in der Finanzagentur, so wie damals am 24. Juni 2009 im ersten Stock des Eurotowers, als es für die Banken darum ging, sich Geld von der EZB zu leihen. Es sind fast dieselben Namen: Die Deutsche Bank ist dabei, die Commerzbank, die HypoVereinsbank, Goldman Sachs, JP Morgan.

1,5 Billionen Euro haben sich die Privatbanken in den vergangenen Monaten geliehen, von der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, von der Federal Reserve in New York, von der Bank von Japan in Tokyo. Mit einem Teil dieses Geldes kaufen sie nun die Anleihen der Bundesrepublik. Das Geld finanziert die Abwrackprämie, die Kurzarbeit, die Rettung der Wirtschaft. Es hält den Kapitalismus am Leben.

Jedes Jahr wird der Staat dafür zahlen müssen. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat werden Zinsen fällig. Dann machen die Banken ein gutes Geschäft.

Sie sind es, die die Zinsen kassieren. Allein an den Papieren, die Carl-Heinz Daube an jenem 11. November ausgibt, verdienen sie fast zwei Milliarden Euro.

Am Ende gewinnt immer die Bank.

Mitarbeit: Kristina Maroldt und Frank Sieren