Aber die eigentliche Stärke der Serie ist nicht die fast schon fetischistische Reproduktion der Sixties-Oberfläche, sondern die Tiefe der Figuren. Bis weit in die dritte Staffel hinein rätselt man über Don Drapers Identität. Denn offenbar hat er den Namen eines toten Kameraden im Koreakrieg angenommen. Es scheint ein dunkles Geheimnis über seiner Herkunft zu liegen. Warum verheimlicht er seiner Frau Betty, gespielt von der geradezu unheimlich an Grace Kelly erinnernden January Jones, sein früheres Leben? Warum betrügt er sie gewohnheitsmäßig? Betty ihrerseits möchte gerne die perfekte Ehefrau und Mutter sein, aber wir ahnen schon, dass dies immer schwerer wird, je mehr sie über das heimliche Leben ihres Mannes erfährt. Sie will eigentlich nicht hinaus aus dieser Ehe, aber es zerren Kräfte an ihr und ihrem Mann, die stärker sind als das, was sie zusammenhält.

Wenn Don mit seinem Chef zum Drei-Martini-Lunch (Steak, Sahnesoße, Pommes frites) geht und die beiden dabei rauchend über das andere Geschlecht reden ("Was genau wollen Frauen denn nun?" – "Wen kümmerts?"), genießt man diese Orgie der Unkorrektheit. Aber Mad Men zeigt auch, wer damals den Preis für die von keinem Selbstzweifel ergriffene Ordnung bezahlte. Salvatore Romano, der Grafiker, kann sich selbst und seinen Kollegen die Homosexualität nicht eingestehen. Es gibt einfach kein lebbares Modell für einen bürgerlichen Schwulen wie ihn. Herzzerreißend, ihm und seiner nichts ahnenden Frau zuzusehen, wie sie nicht herauskönnen aus dem Arrangement, in das sie sich verstrickt haben. Peggy Olsen (Elizabeth Moss) schafft es zwar, von der Sekretärin zur Texterin aufzusteigen, aber um von ihren Kollegen akzeptiert zu werden, muss sie sich entsexualisieren. Spät erst taucht in der Romanze mit einem älteren, furchtlosen Mann eine Möglichkeit für sie auf, smart und sexy zu sein. Diese beiden finden sich, während die meisten der Männer und Frauen in Mad Men erst auseinanderdriften müssen, bevor sich neue Formen des Zusammenlebens finden. Kann das gelingen in dieser Zwischenzeit, "between the end of the Chatterley ban and the Beatles’ first LP", wie der Dichter Philip Larkin schrieb ? Die Antwort steht aus, auch heute noch, und darum ist Mad Men bei aller historischen Akkuratesse die Serie unserer Tage.