Ich habe mich in Hongkong verliebt. Erst in einen Mann, dann in seine Wahlheimat. Das war so nicht geplant, aber Leute, die sich gern überraschen lassen, sind in dieser Stadt der Gegensätze genau richtig. Auch ich kannte von Hongkong bis dahin nur die Hafen-Skyline mit den Wolkenkratzern. Dort trifft man sich zum Lunch in der überwältigenden Lobby des Peninsula Hotel, am Nachmittag verprassen die Damen in den eleganten Malls das Geld, das ihre Männer in den Glitzertürmen verdienen. In diesem Teil von Hongkong fühlt man sich schnell wie ein winziges Teilchen in einem großen Strom, ständig in Gefahr, unterzugehen. Irgendetwas dröhnt immer, entweder die Baumaschinen oder die Polizeisirenen, oder beides. Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr.

Doch all das gilt nicht mehr, sobald man in Hongkongs bessere Hälfte kommt, nach Soho. In meinem neuen Kiez spielt Hongkong Kleinstadt. Hier kann man vergessen, dass noch sieben Millionen andere Menschen in der Stadt leben. Die niedrigen, schlauchartigen Altbauten und die neuen Apartment-Hochhäuser rund um Staunton Street, Elgin Street und Hollywood Road teilt sich eine eingeschworene Gemeinschaft aus älteren Einheimischen, jungen chinesischen Besserverdienern, Kreativen und auffallend vielen Ausländern wie uns.

Doch anders als drüben in der Glitzerstadt bestimmen die alten Chinesen hier nach wie vor das Tempo. Die Gemütsruhe, mit der die Rentnerinnen auf den Parkbänken ein Nickerchen machen oder Tee aus ihren Thermoskannen schlürfen, steckt an. Man kann gar nicht anders, als sich morgens zuerst einmal mit der South China Morning Post in ein Café zu setzen und den Rest des Tages durch das Viertel zu schlendern. Die Stimmung erinnert an Berlin-Mitte in den ersten Jahren nach der Wende. Überall entsteht gerade etwas: Bars, Restaurants, aber auch Designerläden und Galerien.

800 Meter zieht sich die Rolltreppe durch Soho. Wie ein Wurm

Und wenn im Rahmen der Hongkong-Biennale Architekten wie Jean Nouvel wieder über den gigantischen Kunstpark diskutieren, der auf der Halbinsel Kowloon in den nächsten Jahren für zwei Milliarden Euro gebaut werden soll, weil Hongkong mehr sein will als eine Stadt des schnellen Geldes, würde man der Regierung am liebsten zurufen: Schaut euch doch Soho an, hier findet ihr die kulturelle Identität, nach der ihr euch sehnt.

Der Weg dorthin wirkt wie eine futuristische Installation. Wenn man nicht gerade in einem der roten Retro-Taxis über kurvige Straßen den Berg zur Staunton Street hochfährt, dann kommt man von der Queens Road Central, einer der Haupteinkaufsstraßen, über den Escalator. Die angeblich längste überdachte Rolltreppe der Welt zieht sich wie ein 800 Meter langer Wurm durch Soho. Sie sieht aus wie im Kaufhaus, nur mit sehr viel mehr Ausstiegsmöglichkeiten. Manchmal verläuft der Escalator ebenerdig, dann wieder schwebt er über die Straßen der Altstadt hinweg. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt von Anfang bis Ende.

Man sollte nicht vor zehn Uhr morgens da sein. Dann fahren die Menschen aus Soho nach unten ins neue Hongkong zur Arbeit. Von Viertel nach zehn an dagegen geht es konsequent nach oben. Dann ist Escalatorfahren wie Fernsehen – man zappt die ganze Zeit zwischen westlichen und östlichen Lebenswelten hin und her. Auf der einen Seite sieht man den eleganten Damen im Schönheitssalon Iyara dabei zu, wie sie sich im ersten Stock eines Geschäftshauses maniküren lassen. Auf der anderen Seite fällt der Blick hinab in einen kleinen Garten an der Cochrane Street. Dort waschen Köche eines chinesischen Schnellrestaurants gerade ihre frisch gerupften Hähnchen in roten Plastikwannen.

Zu den größeren Straßen gelangt man über Fußtreppen hinab. An der Gage Street folge ich gerne den chinesischen Hausfrauen und den philippinischen Hausmädchen zum Markt. Das Gedränge, die Gerüche, das Geplapper reißen mich mit. Drei Viertel der Hongkonger decken ihren Bedarf noch heute auf solchen Märkten. Vom Blumenkiosk strömt Lilienduft, aber der hält nicht lang, denn rechter Hand kommt gleich eine Metzgerei, in der die Schlachter ihre Messer wetzen, um dann in stoischer Gelassenheit Schweinehälften zu zerteilen. Neben den Metzgern wiederum sitzt eine junge Fischhändlerin mit schiefen Zähnen. Wenn sie nicht gerade verkauft, hilft sie ihrem Mann, der die Fische köpft, schuppt, dabei Kette raucht und sich das nächste Fischlein aus dem Bottich schnappt. Klatsch, ratsch, schon wieder einer tot. Frischer Fisch ist eine große Sache in Hongkong.