Man stelle sich vor, Helmut Kohl habe in seiner Amtszeit Ingrid Noll oder gar die linke Doris Gercke in den Adelsstand und dann auch ins Parlament befördert – um sie als Kriminalschriftstellerinnen zu ehren.

Solche Märchen werden nur wahr im Königreich Elizabeths II. Und so gibt es seit Mitte der neunziger Jahre eine konservative und eine Labour-Abgeordnete im britischen Oberhaus, die sich ein Küsschen geben, bevor sie ihre gegenüberliegenden Fraktionsbänke erklimmen. Es sind P. D. James und Ruth Rendell. Während P. D. James aus Altersgründen (sie ist 89) nicht mehr so häufig im House of Lords zu sehen ist, regiert ihre jüngere Labour-Freundin Ruth Rendell seit 1997 regelmäßig und heftig mit.

Das Regieren hält die Baroness Rendell of Babergh nicht davon ab, mindestens einen Kriminalroman pro Jahr zu veröffentlichen – mal als Ruth Rendell und mal als Barbara Vine. Sie behauptet, zwischen den beiden Emanationen ihrer Schriftstellerpersönlichkeit nicht unterscheiden zu können und rein nach Gefühl zu entscheiden, ob sie als Ruth Rendell Chief Inspector Wexford im fiktiven Kingsmarkham ermitteln lässt, einen Roman ohne ihren seit 1964 operierenden sanftmütigen Helden schreibt oder als Barbara Vine noch dichter an die soziale und psychische Befindlichkeit der Welt heranrückt. Ich, der ich Barbara Vine liebe, kann die beiden Autorenpersönlichkeiten sofort unterscheiden: Für Ruth Rendells Wortschatz reicht mein Taschenwörterbuch Englisch völlig aus, um Barbara Vine zu verstehen, brauche ich ein dickeres dictionary.

In ihrem jüngsten Roman Das Geburtstagsgeschenk führt Barbara Vine in unübertroffener psychologischer Erzählkunst ein altes und ein ganz neues Thema zusammen. Das alte Thema hat sie schon 1964 in ihrem allerersten Roman Alles Liebe vom Tod behandelt und seitdem nie wieder völlig aus dem Auge verloren: die "unsichtbare Gilde der übersehenen Frauen" mit all ihren unausgelebten Sehnsüchten und ihrer eingesperrten Wut zu beschreiben – und in diesem lange zurückliegenden Fall auch kräftig am damaligen Tabu lesbischer Liebe zu rütteln. Im Fall des Geburtstagsgeschenks gehört Babysitterin Jane zur Gilde. Sie gibt der attraktiven Hebe jedes Mal ein Alibi, wenn sie sich mit dem Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium (!) zu SM-Abenteuern trifft. Jane bohrt sozusagen das zweite Thema von unten an, die Heuchelei und panische Angst der arrivierten Oberschicht vor Statusverlust. Verkörpert wird das zittrige Establishment von Ivor Tesham, der wenige Tage vor Ausbruch des ersten Golfkriegs seiner Geliebten Hebe eine vorgetäuschte Entführung – adventure sex – zum Geburtstagsgeschenk gemacht hat. Anbohren kann Jane den dünnen Boden der Politikerexistenz, weil das Entführungsauto leider von einem Lkw überrollt wird und Ivor versucht, seine Verwicklung in den Tod der Geliebten vor der Öffentlichkeit und Maggie Thatcher geheim zu halten. Mit ungetrübt bösem Blick, süffisanter Eleganz und genießerisch gesteigerter Spannung erweist sich Barbara Vine in Das Geburtstagsgeschenk, ihrem sechzigsten Roman, als eine der besten Kriminalschriftstellerinnen unserer Zeit. Am 17. Februar wird Ruth Rendell 80 Jahre alt.