Es sei wichtig, dass es Zwänge gibt. Ohne solche Zwänge würden Frauen im Berufsleben nicht vorwärtskommen. Das sagt ein Mann. Jean-Claude Le Grand, Personalchef des französischen Kosmetikkonzerns L’Oréal. Er sitzt in seinem Pariser Büro und zitiert aus einer Liste: "56 unser Führungskräfte sind Frauen." 37 Prozent der Abteilungsleiter seien weiblich, 15 Prozent des Vorstands und mehr als 20 Prozent des Aufsichtsrats. Dass Frankreich nun alle Großunternehmen zu einer ähnlichen Firmenpolitik verpflichten will, findet Le Grand gut: "Gemischte Teams sind kreativer und leistungsfähiger." Bei L’Oréal kommen die meisten Patente aus Laboren, die paritätisch mit Frauen und Männern besetzt sind.

Ende Januar wird das französische Parlament einen Gesetzentwurf diskutieren, der allen staatlichen und börsennotierten Unternehmen innerhalb von fünf Jahren einen Frauenanteil von 50 Prozent in ihren Aufsichtsräten vorschreibt. Andernfalls drohen Sanktionen, und sämtliche Beschlüsse der Kontrollgremien könnten für nichtig erklärt werden.

Der Vorstoß kommt einer kleinen Revolution gleich. Denn innerhalb Europas belegt Frankreich – trotz der Berufstätigkeit von mehr als drei Vierteln aller Frauen – nur einen der hinteren Plätze, wenn es um Frauen in Führungspositionen geht. Von den Aufsichtsräten der 500 größten Unternehmen sind nur acht Prozent Frauen. Deutschland schneidet mit zwölf Prozent allerdings nur wenig besser ab. Und das auch nur, weil die Seite der Arbeitnehmervertreter hierzulande auf mehr weiblichen Einfluss setzt. Den Spitzenplatz nimmt Norwegen ein, wo 2003 ein entsprechendes Gesetz eine Frauenquote von 40 Prozent in den Kontrollgremien vorschreibt.

Als Jean-François Copé, Fraktionsvorsitzender der konservativen französischen Regierungspartei UMP, den Vorschlag einbrachte, ließ er es an markigen Worten nicht fehlen. "Wir brauchen einen Elektroschock", sagte er und meinte damit grundsätzlich das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen in den Betrieben. "Ein Unternehmen wird nicht in Konkurs gehen, weil es genauso viele Frauen wie Männer beschäftigt", legte er nach.

"Man muss sich schon fragen, was die Männer plötzlich reitet", sagt Armelle Carminati-Rabasse und lacht. Sie ist Personalchefin bei der Unternehmensberatung Accenture in Paris. Schließlich bezahlte ausgerechnet die UMP nach den Parlamentswahlen 2007 lieber rund fünf Millionen Euro Strafe, als sich an die seit 2000 geltende Vorgabe zu halten, wonach Frankreichs politische Parteien bei Wahlen ebenso viele Frauen wie Männer aufstellen müssen.

Womöglich ist es das Umfragetief vor den im März anstehenden Regionalwahlen, das die Konservativen nun antreibt. "Dieses Mal haben wir eine echte Chance", freut sich Carminati-Rabasse. Doch wie immer, wenn die Rede ist von Frauenquoten, fragen sich nun auch die Französinnen, ob man ihnen nicht womöglich einen Bärendienst erweist. "Natürlich ist es unangenehm, wenn eine Frau das Gefühl haben muss, dass sie wegen ihres Geschlechts engagiert wird", sagt Roselyne Sands, Partnerin bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. "Aber im Laufe der Zeit bin ich zu der Einsicht gelangt, dass die Abwesenheit von Frauen nicht bedeutet, dass es keine qualifizierten Kandidatinnen gibt. Männer haben einfach die besseren Netzwerke."

Eine Einschätzung, die Sands mit den Absolventinnen und Absolventen der berühmten französischen Elitehochschulen teilt. In einer Umfrage unter mehr als 5000 Ehemaligen, denen üblicherweise das Tor zu den besten Jobs in Industrie und Verwaltung offensteht, sahen im vergangenen Herbst 75 Prozent der Frauen und immerhin 52 Prozent der Männer nur geringe Chancen, dass Frauen ohne ausdrückliche Förderung in Top-Positionen aufsteigen könnten. 71 Prozent der Franzosen könnten sich auch mit einer Quotenregelung anfreunden.

 

Für die Chemikerin Reine Note, die bei L’Oréal in der Forschung arbeitet, war der hohe Frauenanteil jedenfalls ein Grund, sich bei dem Unternehmen zu bewerben. "Vielfalt schafft auch Einfallsreichtum", sagt die 36-jährige Kongolesin. Die hauseigene Kinderkrippe, der zusätzlich zum Mutterschutz gewährte Erziehungsmonat und die Tatsache, dass auch Führungskräfte am in Frankreich schulfreien Mittwoch und freitags früher Feierabend machen dürfen, erklären allerdings auch bei L’Oréal nicht die Kluft zwischen dem Frauenanteil bei den Führungskräften und den wenigen, die es in den Vorstand geschafft haben.

Wenn Unternehmenschefs künftig ihre Getreuen nicht mehr so einfach in die Kontrollgremien berufen dürften, würden dort die Personalvorschläge auch nicht länger kritiklos abgesegnet, hofft Carminati-Rabasse. "Deshalb ist es so wichtig, bei den Aufsichtsräten anzufangen, wenngleich das nicht sofort das Leben von 20000 Frauen in Frankreich verändern wird. Aber wir werden sicher einen Lerneffekt erleben, der sich dann fortsetzt."

Allerdings regt sich auch Widerspruch. Unternehmen in typischen Männerdomänen wie Bau oder Erdölverarbeitung klagen, sie könnten die Vorgaben nicht erfüllen, zumal der Gesetzentwurf nach 18 Monaten bereits eine Quote von 20 Prozent und nach vier Jahren einen Frauenanteil von 40 Prozent vorsieht. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie man private Unternehmen dazu zwingen will", sagt auch die Arbeitsrechtlerin Isabelle Ruisseau. Spannend werde es, sobald der erste Mann klage. Wenngleich die französische Verfassung seit vergangenem Sommer ausdrücklich festschreibt, dass Frauen und Männer die gleichen Aufstiegschancen in politischen Ämtern wie im Berufsleben haben sollen, geht Ruisseau davon aus, dass das Verfassungsgericht eine Quotenregelung kippen würde.

Es wäre nicht das erste Mal. Ein ähnliches Gesetz, das eine Quote von lediglich 20 Prozent vorsah, wurde 2006 kassiert – mit der Begründung, dass Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich zu behandeln seien. Nur drei der zwölf Richter waren Frauen.