Zwei Generationen danach erscheint uns der Gedanke wie eine Selbstverständlichkeit: Die massenhaften Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkriegs müssen traumatisierte Gesellschaften zurückgelassen haben. Doch statt von Traumata war in den Jahren nach 1945 – nicht nur bei den Deutschen – von Neuanfang und Wiederaufbau die Rede, statt von den Qualen der Erinnerung von der Notwendigkeit des Zupackens und dem entschlossenen Blick nach vorn. So jedenfalls sagen es die meisten Quellen, und so weiß es die an deren Hauptstrom interessierte Zeitgeschichtsschreibung. Nähert man sich dem Thema aber aus der Perspektive der Wissenschaftsgeschichte, wie die Freiburger Historikerin Svenja Goltermann es in ihrer preisgekrönten Habilitationsschrift tut, ergibt sich ein komplexeres Bild.

Das Archiv der Bodelschwinghschen Anstalten im ostwestfälischen Bethel hält die Krankenakten von 450 Soldaten bereit, die bald nach ihrer Rückkehr von der Front oder aus der Kriegsgefangenschaft mit massiven psychischen Problemen kämpften und ärztliche Hilfe suchten. Anhand der in diesem Bestand zu entdeckenden "privaten Erinnerungsfragmente", aber auch vermittels literarischer Texte und erinnerter Träume, sucht die Verfasserin "den Fächer der Wahrnehmungsweisen von der Kriegsgewalt weiter aufzuspannen".

Allerdings bricht Goltermann die Arbeit an diesem aufschlussreichen Puzzle, das den ersten Teil ihrer Darstellung ausmacht, 1949/50 ab. Denn um diese Zeit, so ihr Argument, änderten sich die "Sagbarkeitsregeln". Doch nicht nur das: Mit dem Ende der unmittelbaren Besatzungsherrschaft und der als bedrohlich empfundenen Entnazifizierung, vor allem aber mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der insgesamt gelingenden gesellschaftlichen Wiedereingliederung verschwanden tatsächlich bei den meisten der bis dahin therapierten Kriegsheimkehrer die Symptome. Ähnliches dürfte für die vermutlich hohe Dunkelziffer der klinisch nie vorstellig Gewordenen gelten, mit denen sich die Darstellung leider wenig befasst.

Den Kern des Buches bildet eine minutiöse Auseinandersetzung mit der medizinischen Gutachterpraxis der fünfziger Jahre. Dabei wird deutlich, wie die Falldiskussionen und Stellungnahmen der Experten, die der Anerkennung von Rentenansprüchen vorausgingen, die "Produktion psychiatrischen Wissens" befeuerten. Zunächst galt als gesichert, dass der im Krieg strapazierte Mensch, sofern er keine ererbten negativen Anlagen in sich trägt, selbst schwerste seelische Belastungen ohne bleibende Neurosen übersteht. Kein Gedanke, dass es so etwas wie Trauma geben könnte.

Der Umstand, dass sich die westdeutsche Nachkriegspsychiatrie mit dieser Position auf Erkenntnisse berufen konnte, die man bereits im Ersten Weltkrieg gewonnen hatte und die auch international beachtet wurden, bestärkte das Selbstbewusstsein ihrer Protagonisten, in deren Reihen vormalige "Euthanasie"-Gutachter unbehelligt Dienst taten. Unübersehbar verbanden sich hier Traditionen rigider Diagnostik mit harten, von der Verfasserin aber kaum in den Blick genommenen vergangenheitspolitischen Interessen und Positionen. So zum Beispiel gegenüber mutmaßlichen "Rentenneurotikern", deren Ansprüche Kurt Schneider, seit 1939 Beratender Militärpsychiater des Heeres und seit 1946 Ordinarius in Heidelberg, mit einer ganz und gar außerfachlichen Begründung abwies: "Eine Teilhabe am Gesamtschicksal eines Volkes kann man nicht berenten."

Gegen solche Ansichten machte jedoch seit Anfang der fünfziger Jahre der Verband der Heimkehrer Front, für den bald 2000 Ärzte, meist Internisten, ehrenamtlich tätig waren. Besonders bei Spätheimkehrern aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft diagnostizierten diese nun vermehrt Beschwerden aufgrund zurückliegender Dystrophien (vor allem Hungerschäden). Daraufhin setzte auch bei den Psychiatern ein gewisser Sinneswandel ein. Allerdings bestanden sie darauf, neurotische Störungen könnten nur insoweit Rentenansprüche begründen, als "organische Veränderungen am Zentralnervensystem" nachweisbar seien. Eine zu laxe Praxis der Anerkennung sollte durch Hirnuntersuchungen – bis hin zum risikoreichen "Luftencephalogramm" – verhindert werden.

Gegenüber vormaligen NS-Verfolgten kamen solche Verfahren nicht zur Anwendung. Eine Erklärung dafür, dass diese vielmehr seit Ende der fünfziger Jahre von einem sich verändernden psychiatrischen Wissen profitierten, welches seelische Spätschäden zunehmend anerkannte, sieht Svenja Goltermann im fundamentalen Unterschied zwischen dem bundesdeutschen Sozial- und dem nach alliierten Maßgaben ausgestalteten Wiedergutmachungsrecht. Sie konstatiert eine Opferkonkurrenz zwischen deutschen Heimkehrern und jüdischen Überlebenden, die – und das ist nicht frei von anklägerischen Untertönen – seit den sechziger Jahren zulasten der Soldaten gegangen sei. Vor allem die Medien hätten jetzt aufgehört, eine "öffentliche Anwaltschaft" zu übernehmen "für die Kriegsheimkehrer und ihr Anliegen, die Gleichheit der Menschen vor grausamer Behandlung und schrecklichen Erfahrungen gegenüber der Politik einzuklagen".