Die Frage: Robert und Hella wohnen seit mehreren Jahren zusammen. An einem Abend sitzt Robert in der dusteren Wohnung alleine vor seinem Laptop und liest einen Artikel auf dem Bildschirm. Schließlich kommt Hella nach Hause. Sie schaltet das Licht an und fragt Robert, warum er denn hier im Dunkeln sitze, ob er sich denn seine Augen überanstrengen wolle, wenn er die ganze Zeit in das fahle Licht starre. Robert reagiert gereizt auf seine Freundin. Er erklärt genervt, er brauche keine "Festbeleuchtung" in der Wohnung, um seinen Text zu lesen. Das würde nur unnötig die Stromkosten in die Höhe treiben. Hella ist von seiner Reaktion verletzt und wendet sich pikiert ab. Sie fragt sich: Warum nur ist Robert so muffig und freut sich nicht, wenn sie nach Hause kommt – und sich Sorgen macht um seine Gesundheit?

Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Robert empfindet Hellas Verhalten als Übergriff und Rücksichtslosigkeit. Hella findet ihr Verhalten aufmerksam und zugewandt. Das wäre kein Problem, wenn sich die beiden an diesem Tag kennenlernen würden und keiner die unselige Erwartung an sein Gegenüber richten würde, dass sich wortlos verstehen muss, wer sich liebt. Gerade unsichere Menschen sind in ihren Liebesbeziehungen oft extrem harmoniebedürftig. Sie bauen symbiotische Erwartungen auf: Wenn mich meine Liebe nicht versteht, kann das nur böser Wille sein! Warum respektiert sie mich nicht, zwingt mir ihre Prioritäten auf, ignoriert die meinen? Antwort: Weil jedem von uns das Eigene näherliegt als das Fremde. Das Eigene zu lieben ist leicht, weil es uns keine Angst macht. Das Fremde zu lieben ist mühsamer, aber es lohnt sich.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE.

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