Professionelle Ordnungscoaches behaupten, es sei so schwer aufzuräumen, weil man dabei so leicht an Erinnerungsstücken hängen bleibe; Fotos, Zetteln, Briefen, die einem in wenigen Sekunden das Gehirn vernebeln und einen in alte Geschichten hineinziehen, aus denen man erst Stunden später wieder auftaucht, ohne getan zu haben, was man tun wollte. Die Kiste, die man sortieren wollte, hat sich nicht sehr verändert, die eigene Stimmung schon.

Ungefähr so muss man sich die Lektüre von Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck vorstellen. Es ist ein Buch, das wie ein Auktionskatalog aussieht, in dem die Überreste einer (fiktiven) Beziehung abgebildet werden, Post-its, Liebesbriefe, Geschenke, Einkaufslisten, Theaterkarten, all die Gegenstände, die sich zwischen zwei Menschen ansammeln und die manchmal erst im Nachhinein kostbar wirken. Und noch bevor wir etwas über die speziellen zwei Menschen wissen, deren Besitz hier versteigert werden soll, deutet bereits die Erzählform an, dass sich hier irgendetwas aufgelöst hat (aber was und warum?).

Es beginnt vielversprechend unkompliziert: mit dem Foto einer Halloween-Party, auf der die Hauptfiguren Lenore und Harold sich offenbar nähergekommen sind ("Das erste bekannte Bild, das die beiden zusammen zeigt. Urheber unbekannt. Spuren von Reißnägeln an den Ecken"), und einer Serviette mit aufgekritzelter E-Mail-Adresse, die verrät, dass die Geschichte im Medienmilieu Manhattans spielt (Lenore_doolan@nytimes.com). Gefolgt von einem Brief der Schwester ("Verrückt, dass du ihn schon kennst – daran sieht man wieder, dass es NUR ums richtige Timing geht. Ich finde, er klingt nett..."), der ahnen lässt, dass es der Protagonistin ernst ist. Und schon ist man ein unbefugter Beobachter, der mit heimlichem Vergnügen zwei berufstätigen New Yorkern beim Verlieben zusieht.

Dem ersten Geschenk, das er ihr macht, ist eine Wolfgang-Tillmanns-Kunstpostkarte beigelegt. Auf deren Rückseite greift er – sensibel und aufmerksam – eine Bemerkung auf, die sie ihm gegenüber offenbar hat fallen lassen ("Nie kauft mir jemand was zum Anziehen!"). Es folgen Scrabble-Buchstaben, Eintrittskarten für anspruchsvolle, aber nicht angestrengt anspruchsvolle Filme (Der Stadtneurotiker) und erste Zuschreibungen, wer der andere wohl sein möge: "Deine irisch-katholische Zurückhaltung hat mein Verlangen noch stärker entfacht. Obwohl: Bist du überhaupt katholisch?", schreibt Harold im Dezember, und bereits an Weihnachten fällt zum ersten Mal das L-Wort, natürlich von ihm ("Ein paar meiner Lieblingssachen. Obwohl du dich anschickst, auf Platz 1 der Liste zu landen. In Liebe, H."). Sie hält sich, dem gültigen Liebesskript folgend, mit womöglich Druck erzeugenden Liebesbekundungen zurück, stattdessen gibt es eine Mix-CD mit Songs von Yo La Tengo, Belle and Sebastian, Hank Williams, eine Mischung, die man für eklektisch halten könnte, käme sie einem nicht so bekannt vor. Und als sie nach seiner ersten Reise ihr Wiedersehen feiern, ist sie es, die ihre (wie sagt man?) Verspieltheit unter Beweis stellt und ein Zimmer in einem New Yorker Hotel mietet ("Besuch mich in Zimmer 1045. Kuss L.").

So wird die materielle Kultur der transatlantischen Szene eines gewissen Alters vor dem Betrachter ausgebreitet: die Rosencreme von Dr. Hauschka, die auf den ersten gemeinsamen Liebestrip mitmuss (nach Venedig – na gut, auf die Idee kommen wahrscheinlich nur Amerikaner); seine Kunstbuchsammlung (Weegee; William Eggleston; Thomas Struth; Larry Clark); ihre Kochbuchsammlung (das River Café in London; das Chez Panisse in Berkeley). Und an Weihnachten gibt es selbst gekochte Marmelade für die gemeinsamen Freunde. All das hat einen ebenso hohen Wiedererkennungswert wie die geduldigen Ich-Botschaften, mit denen beide auf ihren ersten schlimmen Streit reagieren ("Ich hätte mehr Geduld haben sollen" – "Tut mir leid, dass ich so stur war"). Sie neigt zu Wutausbrüchen, er zieht sich dann zurück, sie findet das schwierig. Ein Rezept deutet an, dass er Psychopharmaka nimmt, und ein Notizblock, dass er Termine bei einem Therapeuten hat ("Daran arbeiten, präsenter zu sein – auch wenn mir der Sinn danach steht, davonzulaufen").

Fesselnde Fiktion lebt vom Spezifischen, und Leanne Shapton, die 36-jährige Autorin, kennt die Dinge, über die sich ein paar Millionen Menschen zwischen New York und Berlin ihres Status versichern, so genau, dass man annehmen muss, dass der Inhalt von Lenores Toilettentasche (Kiehls, Weleda und eben Dr. Hauschka) autobiografisch ist – ist er? "Wir erfahren durch diese Marken, dass Lenore versucht, zu einer ökobewussten und wohlhabenden Schicht zu gehören", ist alles, was sich Shapton dazu entlocken lässt.

Aber warum sollte man eine Beziehung überhaupt anhand von Dingen beschreiben? Die Autorin ist Illustratorin und war bis vor Kurzem Art-Direktorin der Meinungsseite der New York Times . Man kann vermuten, dass das Abbilden von Dingen ihr näher ist als deren Beschreibung. "Ich habe einfach keine Ahnung, wie man lange Stücke schreibt", sagt sie, "obwohl ich hoffe, das in der Zukunft zu lernen. Womit ich mich am besten auskenne, ist, wie man eine Geschichte in Worten und Bildern gleichzeitig erzählt."