Auch Museen kommen in die Jahre. Jüngere schneller als ältere. Als das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen vor 30 Jahren eröffnet wurde, stieg man wohlgemut die verschachtelten Galerien hinab und hinauf, es roch nach frisch getrocknetem Beton, und die bunte Keramikplattenmischung, die draußen an der Fassade nach einem Entwurf von Joan Miró angebracht war, glänzte wie der Deckel einer Nivea-Dose. Heute sieht man sich doch etwas verwundert um. In Windeseile ist die Geschichte über den Zeitgeschmack hinweggegangen, und das Zutrauen damals in die währende Kraft der offenen Architektur lässt sich eine Generation später nur noch rätselhaft an. Es gibt in diesem Haus kaum Rückzugsmöglichkeiten für die Kunst. Alles ist offen. Ohne Übergänge verwandeln sich Rampen in Emporen und Balkone in Nischen. Keine Wand darf sich ausbreiten. Wo Agora wäre, versperren Stellwände die Sicht. Und wenn doch einmal eine Türe ein Kabinett abschließt, dann ist sie nachträglich eingebaut worden.

Nun besucht man ja auch ein Museum nicht, um sich die Laune durch den Blick nach oben an die Messehallendecke trüben zu lassen. Das Haus hat immer viel Glück gehabt mit seinen Direktoren, die mit Geschmack und Fantasie die anspruchsvolle Bühne bespielt haben. Mit den reichen Sammlungen des Kölner Mäzens Wilhelm Hack und dem lokalen Kunstbesitz waren auch allemal Programme möglich, die weit über dem städtischen Durchschnitt lagen. Als Reinhard Spieler im September 2007 die Leitung übernahm, öffnete er erst einmal die Depots und hängte und stellte gnadenlos alles auf und aus, was in den Tiefkellern verwahrt wird. Eine ziemlich aberwitzige Ausstellung, die aber doch vor überfüllte Augen führte, dass Ludwigshafen sehr wohl zur Oberliga gehört. Vor allem die konstruktiv konkrete Kunst hat hier ihre Heimstatt gefunden. Und Freunde gerader Linien und wolkenloser Farben finden viel Ermunterung.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Wilhelm Hack hatte mit Stammvätern der Abstraktion wie Delaunay, Mondrian, Kupka, Malewitsch und ganzen Konvoluten von Vasarely, Bill, Fruhtrunk, Böhm, Lohse, Schoonhoven, Staudt, Graeser, Morellet, von Graevenitz den rechtwinkligen Grundstein gelegt. Seither ist, was der Sammler in die Ehe mit der Stadt einbrachte, nach Kräften gemehrt worden. Wie nirgendwo sonst in Deutschland wird im rheinland-pfälzischen Oberzentrum die konstruktivistische Tradition gepflegt. Und da die gerade Linie nie wirklich abgerissen ist und sich durch alle Launen des Zeitgeistes spannt, lässt sich auch aus einem etwas abgerückten Programm nicht wenig Museumscharme gewinnen. Dass ein ambitioniertes Kunsthaus einmal nicht in der Polke-, Richter-, Baselitz-Klasse mitspielt – und dies nicht aus Verweigerung und nicht aus Verlegenheit –, das gereicht ihm durchaus zur Ehre.

Ungleich luftiger als die Basis der Sammlung muten die Werkgruppen der Klassischen Moderne und der Mittelalterkunst an. Dass Erich Heckels nachexpressionistisches Bildnis der Mutter (1920) auf einer tannengrünen Wand hängen muss, erschließt sich so wenig wie das Cross-over, das oben in den Dachkammern stattfindet, wo das eindrückliche Passions-Triptychon (Elsass, um 1480) ausgerechnet Kandinskys abstraktes Bild mit weißen Linien ( unser Bild) zum Nachbarn hat und Bartholomäus Bruyns Bildnis einer Frau mit Buch (um 1560) mit Jawlenskys Frau Kirchhoff (1922) gemeinsame Sache machen soll.

Ein bisschen verloren wie auf fernen Planeten kommt man sich an solchen Außenstationen schon vor. Und auch vor den Vitrinen der Fluxus-Sammlung Beck will die rechte Stimmung nicht aufkommen. Dafür geht unten, am Boden gleichsam des wannenförmigen Museums, die Post mächtig ab. Gegen jede Vernunft (bis 14. Februar) hat man die große Ausstellung getauft, die mit gewichtigen Museumsleihgaben an die Surrealismuszentren Paris und Prag erinnert. Erlebnis und Gewinn zugleich, wie sich die selten gezeigten tschechischen Gäste ins Westkunst-Alphabet fügen. Ein schönes Gegenprogramm jedenfalls am Hauptort der reißbrettgenauen Abstraktion. Und dass auf den dazumal kühnen Experimenten mit dem Unterbewussten auch schon wieder Firn und Patina liegen, passt nicht schlecht zum ungelifteten Antlitz des Museums.