Die Unterwelt ist hart und uneben. Die Augen verbunden und geführt von einem Betreuer, folge ich mit den Fingerspitzen den Rundungen massiver Latexwände. Der Helfer manövriert meine Schultern durch einen knapp mannshohen Spalt. In einer Nische ertaste ich eine luftballongroße Kugel. Ich halte meine Wange an ihre glatte, gläserne Oberfläche und fühle, wie Wärme über meine Haut strömt. Der Betreuer fasst mich an Rücken und Kniekehlen und hievt mich auf ein Massagebett. Meine Hand liegt in seiner, während ich alle paar Minuten von Stößen geschüttelt werde. Gedämpft durch die dicken Wände, höre ich die anderen Besucher. Sie quietschen und kreischen. Ich spüre die warme Luft. Alles ist schwer. Hinter der Augenbinde schließen sich meine Lider. Im Halbschlaf sinke ich in eine pränatale Geborgenheit.

De Belevenis ist ein Vergnügungspark besonderer Art. Er richtet sich an Menschen mit schweren Behinderungen, die normaler Unterhaltung nicht folgen können, weil sie nicht genug sehen, hören oder verstehen. Ihnen etwas zu bieten ist schwierig. Die Gründer von De Belevenis haben es trotzdem versucht. Dabei herausgekommen sind das Tiefseereich, das ich gerade erkunde, und sieben weitere Themenwelten. Untergebracht sind sie in einem schlichten weißen Großraumzelt. Um möglichst viele Betroffene zu erreichen, ist der Park, dessen Name sich als "Das Erlebnis" übersetzt, mobil wie ein Zirkus. 3000 Schwerbehinderte und ihre Betreuer haben De Belevenis an seinem alten Standort in Amsterdam innerhalb von fünf Wochen besucht. Im März wird das Zelt in der südholländischen Provinz Limburg wieder aufgebaut.

"De Belevenis ist das Produkt unserer Erfahrung", sagt Lia van Dam. Wie die drei anderen Gründer des Vergnügungsparks arbeitet die Krankenschwester seit mehr als zwanzig Jahren mit geistig Behinderten. "Diese Menschen haben völlig unterschiedliche Einschränkungen in der sinnlichen Wahrnehmung. Es ist schwer zu erkennen, was ihnen Spaß macht. Oft verändert sich nur ihr Atmen, wenn sie auf etwas reagieren, oder ihr Pulsschlag wird etwas schneller. Nur wer lange mit ihnen zu tun hat, schafft es vielleicht, die Welt mit ihren Augen zu sehen."

Der gesunde Laie fühlt sich mit verbundenen Augen buchstäblich in die Erlebniswelten ein. Im "Himmel" spürt er einen leichten Windhauch, lauscht einer blasluftbetriebenen Riesenpanflöte, hebt ab auf dem luftig schwingenden Entspannungsbett. Begleitet von Plätschern und Blubbern, fließt er förmlich durch die Unterwasserwelt, fühlt die wabbeligen Flossen der Gummirochen und -schollen im Gesicht und die harten Bürstenrücken der Seeanemonen zwischen den Fingern, lässt sich wiegen von den warmen Wellen des Wasserbetts. An den spiegelglatten, metallenen Wände der Eiswelt tastet er sich fröstelnd entlang, um sanft in die kuscheligen Arme des dicken Polarbären zu fallen. Jede Themenwelt hat eine eigene Haptik, eigene Geräusche, Farben und Gerüche.

Die Besucher scheinen Spaß daran zu haben. Glucksend und kichernd, reißen zwei von ihnen im "Dschungel" Torsi von Wasserbüffel und Tiger aus einer Wand, selig lächelnd hockt ein schmächtiger junger Mann auf dem sechssitzigen Pferdeschlitten in der Eiswelt. "Wie ein Prinz", sagt seine Betreuerin andächtig. In der Unterwelt trommelt ein kräftiger Junge mit irrem Blick lautstark gegen die massiven Wände. Im räucherstäbchenduftgeschwängerten "Orient" hat sich eine kleine Gruppe im Teepavillon versammelt. Ein junger Mann mit blau geränderter Nickelbrille und kindlich kleinen Füßen stimmt mit einer offenbar dementen Alten, die eine Plüschkatze streichelt und sich ständig Pralinen von einem Beistelltisch in den Mund schiebt, das Kinderlied In Holland steht ein Haus an, während ein Masseur auf dem Fliegenden Teppich die krampfenden Beine einer Epilepsiehelmträgerin knetet.