In einem karierten Dreiteiler schaut der Mann durch eine halb geöffnete Tür in die Nacht hinaus und lauscht. Man hört ein Donnern und dann das Heulen von Werwölfen. Der Mann gibt Schüsse ab, dann entschwindet er in die Dunkelheit. Für Sekunden herrscht Stille. Plötzlich taucht Corny Littmann wieder auf der Bühne auf: in einem schwarzen Frauengewand und mit künstlichen, zu einem Dutt gebundenen Haaren. Mit hoher Stimme fragt er: "Hab ich da etwa Schüsse gehört?" Das Publikum lacht und applaudiert.

Wie in der Gruselkomödie um Das Geheimnis der Irma Vep ist es auch im richtigen Leben: Mühelos schlüpft Corny Littmann in neue Rollen. In den siebziger und achtziger Jahren zog er mit schrillen Schwulentheatern durchs Land, zwischendurch war er Spitzenkandidat der Hamburger Grünen. 1988 eröffnete er auf der Reeperbahn das Schmidt Theater und, drei Jahre später, das Schmidts Tivoli.

Heute ist Littmann Schauspieler, Theaterunternehmer – und Präsident des FC St. Pauli. Der erste bekennende Schwule im deutschen Profifußball. Als er 2002 an die Spitze des Vereins trat, war der fast pleite und stieg dann in die dritte Liga ab. Heute ist der Klub schuldenfrei und steht in der Zweiten Bundesliga auf dem zweiten Tabellenplatz. Gut möglich, dass der Klub mit dem Totenkopf-Emblem nächste Saison in der Bundesliga gegen Teams wie Bayern München, Werder Bremen oder den HSV antreten wird.

Er weiß genau, wie man das Publikum auf dem Kiez ansprechen muss

Über den Bau eines neuen Stadions diskutiert man am Hamburger Millerntor bereits seit dreißig Jahren. Nun wird er Wirklichkeit. Stolz führt Littmann durch die Séparées und Geschäftslogen der bereits fertig gestellten Südtribüne. Eigentlich gilt beim FC St. Pauli schon der Abriss maroder Toiletten als Verrat am Kultcharakter des Vereins. Doch Littmann ist es gelungen, Kiezkultur mit Business-Chic zu kombinieren. Ein Beispiel: die Loge der Werbeagentur Jung von Matt; mit Altar und barocken Engeln ist sie wie eine Kapelle eingerichtet. Kirchenvertreter kritisieren das als Blasphemie, zum Image des Vereins aber passt die schräge Loge bestens.

Littmann hat ein Gespür für die emotionale Bedeutung des Stadionneubaus. Als Mitte November die Haupttribüne abgerissen wurde, veranstaltete er eine Abschiedsparty, zu der mehr als 3000 Fans kamen. Um kurz vor acht ging das Licht aus, feierliche Musik ertönte, und auf der Südtribüne wurden Tausende von Wunderkerzen entfacht. Schließlich war es Littmann, der sich in Holzfällerhemd, Latzhose und mit einem Bauarbeiterhelm in einen riesigen Bagger schwang – und die ersten Betonpfeiler zum Einstürzen brachte.

Die Inszenierung passt zu Littmann. Wer ihn von der Bühne kennt, hat ihn als Rampensau erlebt. Am Abend nach seinem Auftritt im Geheimnis der Irma Vep wirkt er dagegen fast schon in sich gekehrt. Er schüttelt Hände, grummelt ein paar Worte, holt sich einen Rotwein, gibt einen Grunzlaut von sich.

Littmann hat viele Seiten. Um sich ihm anzunähern, beginnt man am bestem beim Theater. Während Staatsbühnen zu 80 bis 90 Prozent von Subventionen leben, lehnt Littmann Zuschüsse ab. Er sagt: "Wer einmal eine Taxiquittung mit der Kulturbehörde abgerechnet hat, weiß, warum." Ein typischer Littmann-Satz: kurz und knackig. Und doch keine Floskel. Littmann will das Theater "von der Bühne aus denken". Die Alimentierung durch ein Subventionssystem, das nicht auf Aufführungen, sondern auf Strukturen zielt, lässt sich mit dieser Philosophie nicht vereinbaren.