Ich protestiere: Die junge Idee einer Versöhnung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung, einer Heilung des Gedächtnisses im Herzen Europas hat keine Entwicklungschancen, wenn Macht und Interessen nach ihr greifen wollen, wenn sie dem Wind von Stimmungen und Misstrauen ausgesetzt bleibt. Ich protestiere: als Bürger, als Schlesier, als Mensch in kirchlicher Verantwortung. Diese Idee, verkörpert in der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" braucht Schutz. Wir müssen Schaden von ihr abwenden. Es ist kein guter Stil, mit Schlagzeilen und Erklärungen über die Medien ein auf Sensibilität und Klugheit angewiesenes Werk neu in den Meinungsstreit hineinzuziehen. Vernunft hat keine Chance, wenn die Emotionen das Feld beherrschen. Faire Politik arbeitet mit anderen Mitteln.

Was sollen wir von politisch handelnden Personen halten, wenn sie öffentlich Bedingungen stellen, wie es Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, kürzlich getan hat? Wenn sie Druck aufbauen um die Idee der Versöhnung herum und im eigenen Sinne Einfluss nehmen wollen auf ihre Verwirklichung? Schließlich frage ich: Wer sind die Flüchtlinge und Vertriebenen? Wer kann mit Recht für sie sprechen? Wem haben sie ein Mandat gegeben und wofür?

Ich war ein vierjähriger Junge, als meine Mutter, 32-jährig, mich in Beuthen, Oberschlesien, an die Hand nahm, weg von der nahenden Front, auf der Flucht vor den Russen. Das war Anfang 1945. Die Odyssee der jungen Frau mit ihrem Kind hat bis September 1945 gedauert: über die Tschechoslowakei, über Österreich und Ungarn, schließlich hat sie uns wieder nach Schlesien geführt. Polen hatten unsere Wohnung besetzt. Die Behörden übten einen entsetzlichen Druck auf uns Deutsche aus. Wir schafften es, uns zum Herbst 1945 nach Bückeburg in Niedersachsen durchzuschlagen.

Das Kind versteht die Zusammenhänge nicht. Aber es spürt die Angst der Mutter. Es erfährt die Bedrohung und Gewalt, gejagt und getrieben mit den ungezählten anderen, mit fremden Menschen. Ein Teddybär im kleinen Rucksack des Jungen hat es bis in den freien Westen geschafft, zu den freundlichen Amerikanern und dann zu den "Tommies" in Bückeburg. Der Flüchtlingsjunge war ein Fremder. Aber wir waren in Deutschland und haben in all den harten Jahren eine neue Heimat gefunden. Bis heute bin ich natürlich Schlesier. Die alte Heimat habe ich wiederholt besucht.

Ich sehe, wie die Menschen dort leben. Ich freue mich über das wachsende Europa mit vielen unterschiedlichen, sich öffnenden Heimaten. Vertriebenenverbände haben für uns nie eine größere Rolle gespielt. Sie haben ihre Verdienste: im Wachhalten der Erinnerung, bei der fast wie in einem Wunder gelungenen neuen Beheimatung, bei der Überwindung von Revanchismus durch den öffentlichen Verzicht auf Vergeltung und Rache (schon 1950), durch viele vertrauensbildende Kontakte zur alten Heimat in den vergangenen Jahren. Aber ihre Politik muss ich als Vertriebener nicht unbedingt teilen.

Verbände sind nicht die gewählten Volksvertreter, auch nicht die Interessenvertreter der Vertriebenen als solche, auch nicht all ihrer Mitglieder. Richten wir nicht über die Mitgliedszahlen. Aktuelle Angaben können nur als bedingt aussagekräftig gelten, denn die astronomischen Zahlen, die gegenwärtig genannt werden, erhöhen die Drohgebärde.

Ich bin ein entschiedener Anhänger einer öffentlichen, von Gesellschaft und Staat getragenen Einrichtung, die unsere gemeinsame Erinnerung lebendig hält und sie heilen hilft. Fördern wir das Wachsen einer Idee der Versöhnung der Erinnerung. Sie soll stark werden, Grenzen sprengen, ideologische Verbohrtheiten aufbrechen. Die vielen Millionen Opfer von "Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen" (so die Satzung der Stiftung) haben ein Recht auf Erinnerung.

Über die Opfer des Naziterrors in deutschem Namen, über die Opfer des menschenmordenden Kommunismus darf nicht eine brutale Walze der Entwicklung hinwegrollen. Jeder, jede Einzelne, alle gemeinsam – wir dürfen unsere Geschichte nicht verlieren. Sie gibt uns Würde und Wert: unserem Lieben und Leiden, unserem verantwortlichen Handeln, unserem beschämenden Versagen. Heilung muss heißen: das Schweigen, alle Redeverbote brechen. Heilung heißt: der Wahrheit die Ehre geben, und zwar auf allen Seiten. In einem Heilungsprozess darf nichts verdrängt werden, weder persönlich noch kollektiv. So kann ein neuer Geist wachsen, der Menschen zusammenbringt und in eine gute Zukunft führt.