Zehn Dukaten bekam er für sein letztes Werk, für seinen letzten Weg reichten sie nicht. Das Begräbnis des Giovanni Battista Pergolesi kostete elf Dukaten. Aber wahrscheinlich war das Honorar (heute wären es um die 2200 Euro) normal für einen jungen Komponisten im spätbarocken Neapel, für ein Stabat Mater aus zwölf kurzen Sätzen. Der Adelsclub, der es bestellte, kurz vor dem Tod des 26-Jährigen, konnte ja nicht ahnen, dass eine Genietat mit Zukunft entstehen würde, eine Verbindung von archaisierender Polyphonie und fast mozartischem Opernschwung, die noch im 21. Jahrhundert zum Repertoire zählen würde. Derzeit liegen an die 50 Aufnahmen vor.

Der allgemeine Wandel der Interpretation, den sie zeigen, ist nirgends so spannend zu erleben wie bei Claudio Abbado. Zweimal hat er das Stabat Mater aufgenommen, 1985 mit dem London Symphony Orchestra und jetzt mit dem von ihm in Italien gegründeten Orchestra Mozart. Eine kleine Besetzung ist das, 15 Streicher plus Orgel und Laute, sie spielen ohne Vibrato und mit dem Kammerton der Klassik, 430 Hertz, und neben dem romantisch nebelnden und beseelten Klang der 50 oder 60 Londoner von einst ist es ein anderer Planet, auf dem Abbado jetzt das Stück realisiert. Ein Wüstenplanet geradezu – so trockene, geradezu ausgedörrte Streicher hat man selten gehört. Neapel nach der Klimakatastrophe?

Abbado will nachholen, was die Pioniere der historischen Aufführungspraxis schon mit Mozart machten, als er selbst noch Pergolesi in Parsifal-Nähe rückte. Akkurat wird artikuliert, wo einst die Töne sich breitmachten, Linien werden deutlich. Aber das klingt mehr korrekt als sinnlich. Die Streicher lassen das Vibrato weg, ohne dafür Geschmeidigkeit mit dem Bogen zu erzeugen, darum verschmelzen sie nicht, und das führt sogar zu Intonationsproblemen. An Strukturklarheit ist diese Version kaum zu überbieten, aber sie berührt weniger als die anderen Werke dieses Live-Mitschnitts – auch weil die Solistinnen im Stabat Mater mit den Streichern wenig gemeinsam empfinden.

Die Altistin Sara Mingardo ist mehr am Wohlklang als am schmerzvollen Text interessiert, für ihre Ornamente muss schon mal gebremst werden, und auch die wendige Sopranistin Rachel Harnisch wünschte man sich persönlicher. Der Tonmeister hat beide so dominant aufgenommen, dass von der Kontrapunktik der Instrumente in Fac, ut ardeat nur Schatten bleiben. Umso inniger wird es mit Julia Kleiter, der Sopranistin im Salve Regina auf der neuen CD. Während Abbado mit Pergolesi im Stabat Mater helles Mittagslicht auf die klagende Maria scheinen lässt, ist es im Salve Regina, dem anderen sakralen Spätwerk, sanfter Abend geworden.

Zu Kleiters hinreißend bewegter Stimme werden Abbados Streicher aus Bologna viel verbindlicher, wie auch bei der Rarität dieser Produktion zum 300. Geburtstag Pergolesis. Sein Violinkonzert in B-Dur hätte dem Komponisten zwar noch nicht den Weg zum Olymp gebahnt, aber mit Giuliano Carmignola hört man es gern – er ist der unübertreffliche König der italienischen Barockgeiger. Pergolesis entscheidende Qualität aber, die einzigartige Schwerelosigkeit zwischen alten Ritualen und neuer Individualität, hat Abbado in beiden seiner grundverschiedenen Perspektiven aus 25 Jahren erreicht.

Nur ist aus dem Panoramabild jetzt eine Nahaufnahme geworden.

Pergolesi: Stabat Mater, Salve Regina, Violinkonzert B-Dur
DG 477 8077/Universal