ZEITmagazin: Herr Geißler, hat es in Ihrem Leben Situationen gegeben, die Sie überfordert haben, an denen Sie gescheitert sind?

Heiner Geißler: Ja. Als 18-Jähriger wollte ich Jesuit werden. Ich war bei denen zur Schule gegangen, und sie hatten mir sehr imponiert. Nach dem Abitur bin ich in den Jesuitenorden eingetreten, zwei Jahre Noviziat, dann Studium der Philosophie. Ich war voller Idealismus, musste aber feststellen: Ich schaffe das nicht. Ich hatte drei Gelübde abgelegt: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Zwei davon, das wurde mir klar, konnte ich nicht halten.

ZEITmagazin: Wo knirschte es?

Geißler: Nun, die Armut war es nicht. Aber ich konnte nicht ohne eine Frau leben. Das habe ich mit 22, 23 Jahren klar erkannt. Und ich wollte kein Leben der Heuchelei führen.

ZEITmagazin: Fiel Ihnen diese Entscheidung leicht?

Geißler: Nein, für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen. Ich musste mir sagen: Das, was du unbedingt wolltest, schaffst du nicht.

 

ZEITmagazin: Hat Ihnen jemand in dieser Lebenskrise geholfen?

Geißler: Nein, das musste ich selber lösen. Wenn Sie sich sagen müssen, Sie scheitern an einer Aufgabe, weil Sie nicht ohne Frauen leben können, können Sie das schlecht mit jemandem bereden, schon gar nicht mit der engeren Verwandtschaft. Das konnte ich nur mit Freunden, aber die waren alle selber im Orden. Und deren Antwort war glasklar. Sie sagten: Dann musst du raus. Die haben keine Anstrengung unternommen, mich zu halten. Das war auch hart.

ZEITmagazin: Haben Sie sich entwurzelt gefühlt?

Geißler: Ja, das hat mich heimatlos gemacht. Es war psychisch sehr schwer. Sie müssen sich vorstellen: Ich war ein entlaufener Mönch. Ich war gebrandmarkt. Für meine Großmutter war ich ein Apostat. Ich musste mir eine neue Welt für meine Ideale erschließen. Ich gründete den RCDS in Tübingen und wurde politisch aktiv. Und natürlich habe ich dann auch Freundinnen gehabt.