Auf die Frage, ob Philosophie eigentlich Tätigkeit oder Zustand sei, muss Guillaume Paoli erst einmal lachen. Will er sich einen Zeitvorteil verschaffen? Von einem wie ihm erwartet man schließlich stichhaltige Aussagen zu allen konkreten und abstrakten Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem der Welt oder auch nur des Theaters.

Der 51-jährige Franzose, der in der Normandie aufgewachsen ist, sich aber gern auf seine korsischen Wurzeln beruft, hat einen der beneidenswertesten Jobs überhaupt: Guillaume Paoli ist, ohne akademischen Hintergrund, der einzige an einem deutschen Schauspielhaus beschäftigte Philosoph. Mit "Schwafler vom Dienst" allerdings hat seine Stellenbeschreibung am Leipziger Centraltheater wenig zu tun.

Ein angestellter Philosoph zu sein bedeutet für Paoli, einen Zustand in konkrete Tätigkeiten zu übersetzen. Dafür muss er, erstens, bühnentauglich sein: Die von ihm gegründete "Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck" lädt regelmäßig zu Veranstaltungen ein. Zweitens muss er belesen sein: Paoli kümmert sich um die interne intellektuelle Kommunikation am Theater. Und er muss, drittens, auch zuhören können: Einmal in der Woche öffnet seine Philosophische Praxis fürs Leipziger Publikum. Ohne Überweisungsschein, aber nach Voranmeldung kann dort, wer will, eine philosophische Talk-Stunde abhalten. Kostenlos, Tasse Tee inklusive. Um alle großen und kleinen Weltfragen zu besprechen, die einem auf der Seele liegen.

Womit seine Patienten sich ganz konkret an ihn wenden, darüber schweigt Paoli sich aus und weist, wieder mit einem Lachen, darauf hin, dass er sich selbstverständlich dem Schweigegebot verpflichtet fühle.

In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde Guillaume Paoli mit seinen "glücklichen Arbeitslosen" bekannt. Am Berliner Prenzlauer Berg kannte er allerhand Leute, die, in künstlerische Projekte verstrickt und von staatlichen Transferleistungen finanziert, eigentlich ganz glücklich gewesen seien. Ihre Existenz kam dem von Soziologen immer mal wieder geforderten "Grundeinkommen für alle" relativ nah.

An Leipzig, wohin Intendant Sebastian Hartmann Paoli vor anderthalb Jahren holte, schätzt der Philosoph die Bürgerlichkeit; die Bereitschaft der Menschen, für ihre Stadt Verantwortung zu übernehmen. Das ist den Berlinern fremd, meint er.

Im Februar findet nun ein zweitägiges Panel statt, das sich mit den zwingenden Fragen der Interpassivität beschäftigt. Das, so Paoli, sei eine Handlungsform, in der die eigene Aktivität auf einen anderen übertragen wird. Vieles lässt sich unter diesem Aspekt neu betrachten: Dosengelächter im Fernsehen, Sexvideos, aber eben auch die parlamentarische Demokratie.