Die Erzieherin: Hella Wesseler-Kühl, 55, seit über 30 Jahren im Beruf, Leiterin eines Kindergartens in Bremen

Kinder müssen heute vor allem leistungsbereit sein, um in dieser komplizierten Welt und vor allem auch mit den widersprüchlichen Botschaften ihrer Eltern gut klarzukommen. Gleichzeitig aber wird ihnen immer weniger zugetraut. Wenn ein Kind in die Schule kommt, soll es auf einmal alles können, obwohl das von den Eltern zuvor kaum eingefordert wurde. Es soll sich anziehen, ausziehen, die Nase putzen, Schnürsenkel binden. Bis ins letzte Kindergartenjahr hinein sagen Kinder: "Das kann ich nicht", und Eltern knien sich dann nieder, um ihnen die Schuhe anzuziehen. Andererseits verlangen die Eltern, dass ihre Kinder möglichst früh alle Farben benennen können und bis zwanzig zählen, das honorieren sie dann mehr als das selbstständige Anziehen. Oft hoffen Eltern auch, dass wir als Kindergarten hinbekommen, was sie selbst nicht schaffen. Sie sind froh, dass wir ein großes, verwildertes Außengelände besitzen, in dem sich ihre ganz in rosa gekleideten Mädchen auch mal so richtig dreckig machen, durch Pfützen springen, auf Bäume klettern. Wir stellen aber auch fest, dass wir die Kinder oft ermuntern müssen, etwas auszuprobieren. Die stehen dann rum und trauen sich nicht oder wissen gar nichts mit sich anzufangen. Gerade im motorischen Bereich sind viele Kinder nicht mehr so gut entwickelt wie früher. Sie können sich selbst weniger gut einschätzen: Wo fange ich an, wo höre ich auf? Sie haben Gleichgewichtsprobleme, brauchen die sichere Hand. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, mit drei oder vier Jahren einen Purzelbaum zu können, auf einen Stuhl zu steigen und herunterzuspringen. Das ist vielen Eltern auch viel zu gefährlich. Also kommen die Kinder gar nicht erst in die Verlegenheit, bestimmte Sachen auszuprobieren. Ich denke, es ist ganz schön schwer, heute Kind zu sein. Kindheit ist inzwischen sehr kontrolliert, überwacht, geregelt und angepasst an die Erwachsenenwelt. Vor 15 Jahren waren die Kinder noch freier.